Kapitel 3 – Aufbruch
Rumpelnd schlossen sich die Türen des Zuges, als sich dieser frühmorgens vom Hamburger Hauptbahnhof aus Richtung Cuxhaven in Bewegung setzte. Es war ein trüber Dezembertag und das Grau der Stadt schien sich mit dem Grau des Himmels vereinen zu wollen. Arne hatte Platz genommen und schaute aus dem von Regentropfen übersäten, schmutzigen Fenster.
Seit Monaten war diese Reise die erste vernünftige und zielgerichtete Aktivität, die er in Angriff genommen hatte. Daran war Rachel nicht ganz unschuldig gewesen, denn ihre nächtliche Erscheinung war nicht ohne Wirkung geblieben.
Arne hätte gern mit jemandem über seine transzendente Erfahrung gesprochen, doch er traute sich nicht. Wer würde ihm auch zuhören? Einem in Selbstmitleid zerfließenden Säufer. Tote besuchten einen nicht, und wenn doch, hatte man höchstwahrscheinlich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Das schloss er für sich allerdings aus. Er war in Trauer, trank, hatte abwechselnd Kater oder Depressionen oder beides, aber er war nicht wirklich verrückt. Also gab es nur eine logische Erklärung für sein Erlebnis. Arne hatte betrunken geträumt. So intensiv, dass er selbst davon überzeugt war, Rachel gesehen, gehört, gerochen und berührt zu haben. Dennoch arbeiteten sein Herz und sein Verstand in dieser Angelegenheit nicht zusammen. Zurück blieb nur Verunsicherung. Das Verrückte an dieser Erfahrung aber war, dass er alles dafür geben würde, eine solche Begegnung mit Rachel noch einmal erleben zu dürfen.
„Die Fahrkarten, bitte!“, forderte der Zugbegleiter und holte Arne aus den Tiefen seiner Erinnerungen, kontrollierte seinen Fahrschein und wünschte ihm eine gute Reise.
Arne bedankte sich und sortierte seine Gedanken. Er war neugierig auf das, was ihn auf Bollwark erwarten würde.
Er wusste nicht viel über das Eiland. Nur, dass es dünn besiedelt und marginal touristisch erschlossen war. Bollwark bestand zum größten Teil aus von Prielen durchzogenen Salzwiesen, einer wüstenähnlichen Dünenlandschaft und einer kultivierten Knicklandschaft mit Wiesen und Feldern im eingedeichten, bewohnten Bereich der Insel. Das Eiland war durch die Jahrhunderte hindurch unauffällig geblieben. Lediglich ein paar Fischer hatten sich dort niedergelassen und pflegten ihr karges Dasein.
Ihren Namen verdankte die Insel im ostfriesischen Wattenmeer einer uralten, primitiven Befestigung, deren Ursprung nie eindeutig geklärt werden konnte. Sturmfluten, Wind und Wetter hatten nicht mehr viel davon übrig gelassen. Nur die Reste ihrer Fundamente ruhten unter dem Sand der Insel. Das war alles.
Dramatische Geschichten von heldenhaften, kriegerischen Auseinandersetzungen wurden nicht überliefert. Das änderte sich auch nicht, als im Zweiten Weltkrieg ein paar Marineflieger mit ihren Maschine