Alexander Röder
Erstes Kapitel
Rückkehr nach Stambul
Die Stadt hatte sich verändert.
Oder war ich es, der sich verändert hatte?
Ich stand an der Reling des Dampfers, als er im Hafen anlegte. Hinter mir stieg dünner grauer Rauch aus dem Schornstein in den matten Himmel, vor mir sah ich den Dunst der Kamine von Stambul. Die Luft war drückend, es mochte bald ein Gewitter geben. Die Hitze des beginnenden Monats August lag schwer über dem Bosporus, ohne Hoffnung auf kühlende Winde vom Schwarzen Meer. Das trübe Wasser des Hafens war brackig und verdreckt, und über den Dunst von fauligen Algen wehte der schwere Odem der Metropole. Die winzigen Wellen zwischen dem eisernen Rumpf des Dampfers und der steinernen Kaimauer tanzten wie die Wogen der Menschen an Land, die hin und her eilten, dabei Packen und Waren trugen und laut durcheinanderriefen. Aus den angelegten Schiffen und Booten traten die Passagiere zum Landgang und die Schauerleute, um die Ladung zu löschen. Über den Fischerboten schwärmten und kreischten die Möwen.
All dies schien mir fahrig und wirr, sogar bedrohlich, nach meinen ruhigen Wochen in der Heimat, in denen ich fleißig geschrieben hatte und eifrig gewandert war, in Gelassenheit und Einsamkeit. Nach der Stille von Stube und Wald und der sächsischen Gemütlichkeit brach die ungestüme Wildheit des Orients auf mich ein, als wäre es das erste Mal, dass ich dergleichen erlebte. Hier in Stambul trafen sich Abendland und Morgenland, und nicht allein, weil die Stadt in zwei Teilen auf zwei Kontinenten lag. Eine Landreise über den Balkan machte den Übergang zwischen diesen beiden Weltteilen allmählich erfahrbar, die Schiffspassage hingegen endete mit plötzlichem Sturz. An Bord ging man im Okzident, dann folgten gleichförmige Tage auf See, und im Orient ging man von Bord. Dies musste jeden Reisenden verblüffen, ja erschrecken.
Ein Ehepaar aus Schweden ging an mir vorüber und grüßte zum Abschied:
„Farväl! En trevlig och lyckad vistelse!“
„Auch Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Leben Sie wohl!“
Ich hatte die beiden flüchtig kennengelernt, da ich nähere Reisebekanntschaften gemieden hatte, doch nicht so strikt, dass ich als Sonderling aufgefallen wäre. Ich hatte einen falschen Namen angegeben und eine falsche Identität vorgespielt, was ich geübt beherrschte. Ich war freundlich, aber unverbindlich. Unauffällig. Ich fürchtete Spione, die mich entlarven könnten. Es rächte sich, dass ich im Abendland als Schriftsteller und im Morgenland als Abenteurer und Kämpfer für Gerechtigkeit weithin bekannt war. Ich musste mich tarnen, als wenig erfahrener, wenig gereister Mann, der die weite Welt kaum kannte. Hier an der Reling ließ ich meinen sachte staunenden Blick schweifen, als sähe ich Stambul oder gar überhaupt einen orientalischen Hafen zum ersten Mal. Das Spiel fiel mir leicht: Tatsächlich drangen die Eindrücke sehr heftig auf mich ein,
Warum fühlte ich derart? Ich, der ich den Orient über Jahre am eigenen Leib erlebt hatte und später im Geist noch einmal, als ich meine Erlebnisse niederschrieb. Ich glaubte mich stets ganz und gar vom Orient durchdrungen und somit gegen alle Verwunderung oder Abscheu gefeit, gewissermaßen fühlte ich mich selbst als Teil des Orients, meines Wesens wegen und meiner Profession.
Wie konnte es also sein, dass ich hier, angesichts der Stadt Stambul, eine ungekannte Unsicherheit spürte, die mich mit weißen Knöcheln die Re