: Alexander Röder
: Die Seelen von Stambul Der Sultan ohne Namen - Teil 1
: Karl-May-Verlag
: 9783780214102
: Karl Mays Magischer Orient
: 1
: CHF 14.10
:
: Fantasy
: German
: 440
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Kara Ben Nemsi erhält Besuch von zwei Fremden in Radebeul, die ihm eine Einladung zur Hochzeit von Sir Austen Henry Layard und einer gewissen Constanza Venessia überbringen. Dies kommt ihm merkwürdig vor, und als er auch noch einen verzweifelten Brief von seinem Freund Haschim erhält, macht er sich in geheimer Mission ein weiteres Mal auf nach Stambul. Dort geht Ungeheuerliches vor: Eine namenlose neue Macht greift um sich und übernimmt die Kontrolle über Bürger der Stadt. Gemeinsam mit alten und neuen Freunden bekämpft Kara erneut das Böse - in verschiedenen Welten.

Alexander Röder, geboren 1969, studierte Literaturwissenschaften und Kulturforschung. Er lebt heute in Marburg. Mit seinem ersten historischen Roman 'Der Mönch in Weimar', der das Treffen zwischen Goethe und dem Gothic-Novel-Autor M.G. Lewis schildert, war er 2014 auf der Shortlist für den SERAPH der Phantastischen Akademie e.V. in der Kategorie 'Bestes Debüt'. Für 'Karl Mays Magischer Orient' verfasste er bisher den vierteiligen Zyklus um den Mächtigen Al-Kadir und die Rückkehr des Schut, einen Beitrag zum Episodenroman 'Sklavin und Königin' sowie den daran anknüpfenden Band 'Auf der Spur der Sklavenjäger'.

Alexander Röder


Erstes Kapitel


Rückkehr nach Stambul


Die Stadt hatte sich verändert.

Oder war ich es, der sich verändert hatte?

Ich stand an der Reling des Dampfers, als er im Hafen anlegte. Hinter mir stieg dünner grauer Rauch aus dem Schornstein in den matten Himmel, vor mir sah ich den Dunst der Kamine von Stambul. Die Luft war drückend, es mochte bald ein Gewitter geben. Die Hitze des beginnenden Monats August lag schwer über dem Bosporus, ohne Hoffnung auf kühlende Winde vom Schwarzen Meer. Das trübe Wasser des Hafens war brackig und verdreckt, und über den Dunst von fauligen Algen wehte der schwere Odem der Metropole. Die winzigen Wellen zwischen dem eisernen Rumpf des Dampfers und der steinernen Kaimauer tanzten wie die Wogen der Menschen an Land, die hin und her eilten, dabei Packen und Waren trugen und laut durcheinanderriefen. Aus den angelegten Schiffen und Booten traten die Passagiere zum Landgang und die Schauerleute, um die Ladung zu löschen. Über den Fischerboten schwärmten und kreischten die Möwen.

All dies schien mir fahrig und wirr, sogar bedrohlich, nach meinen ruhigen Wochen in der Heimat, in denen ich fleißig geschrieben hatte und eifrig gewandert war, in Gelassenheit und Einsamkeit. Nach der Stille von Stube und Wald und der sächsischen Gemütlichkeit brach die ungestüme Wildheit des Orients auf mich ein, als wäre es das erste Mal, dass ich dergleichen erlebte. Hier in Stambul trafen sich Abendland und Morgenland, und nicht allein, weil die Stadt in zwei Teilen auf zwei Kontinenten lag. Eine Landreise über den Balkan machte den Übergang zwischen diesen beiden Weltteilen allmählich erfahrbar, die Schiffspassage hingegen endete mit plötzlichem Sturz. An Bord ging man im Okzident, dann folgten gleichförmige Tage auf See, und im Orient ging man von Bord. Dies musste jeden Reisenden verblüffen, ja erschrecken.

Ein Ehepaar aus Schweden ging an mir vorüber und grüßte zum Abschied:

„Farväl! En trevlig och lyckad vistelse!“

„Auch Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Leben Sie wohl!“

Ich hatte die beiden flüchtig kennengelernt, da ich nähere Reisebekanntschaften gemieden hatte, doch nicht so strikt, dass ich als Sonderling aufgefallen wäre. Ich hatte einen falschen Namen angegeben und eine falsche Identität vorgespielt, was ich geübt beherrschte. Ich war freundlich, aber unverbindlich. Unauffällig. Ich fürchtete Spione, die mich entlarven könnten. Es rächte sich, dass ich im Abendland als Schriftsteller und im Morgenland als Abenteurer und Kämpfer für Gerechtigkeit weithin bekannt war. Ich musste mich tarnen, als wenig erfahrener, wenig gereister Mann, der die weite Welt kaum kannte. Hier an der Reling ließ ich meinen sachte staunenden Blick schweifen, als sähe ich Stambul oder gar überhaupt einen orientalischen Hafen zum ersten Mal. Das Spiel fiel mir leicht: Tatsächlich drangen die Eindrücke sehr heftig auf mich ein,

Warum fühlte ich derart? Ich, der ich den Orient über Jahre am eigenen Leib erlebt hatte und später im Geist noch einmal, als ich meine Erlebnisse niederschrieb. Ich glaubte mich stets ganz und gar vom Orient durchdrungen und somit gegen alle Verwunderung oder Abscheu gefeit, gewissermaßen fühlte ich mich selbst als Teil des Orients, meines Wesens wegen und meiner Profession.

Wie konnte es also sein, dass ich hier, angesichts der Stadt Stambul, eine ungekannte Unsicherheit spürte, die mich mit weißen Knöcheln die Re