Es gehörte zu den glücklichsten Stunden meiner Jugend, wenn wir Geschwister, Auguste, Emil und ich zusammen saßen, um unserer Mutter zuzuhören, wenn sie italienische Lieder sang und die Gitarre dazu spielte; das geschah freilich selten, denn ein chronischer Husten plagte sie gar sehr; oder wenn sie aus ihrer Jugendzeit erzählte, die sie von 1794 im Elternhaus zubrachte und von den Kriegsjahren 1810, bis es keine Franzosen, Russen, Kosaken und andere Völkerschaften in Eisenach mehr gab. Auch im Kreise von lieben Verwandten und Bekannten wurde meine Mutter gebeten, ihre interessanten Erlebnisse zu erzählen und während jene mit weiblichen Arbeiten beschäftigt, bei Kaffee und Kuchen in der traulichen Stube bei uns zusammen saßen, da lauschten sie den Geschichten aus „alter Zeit“. Manchmal wurde weiter zurückgegriffen, denn die Art und Weise, wie „mein Großvater die Großmutter nahm“ war zu amüsant; man wollte sie immer wieder hören, zumal jüngere Mitglieder des gemütlichen Kreises sie noch nicht gehört hatten. Da saß nun meine Mutter mittendrin, nähend oder strickend und fing von ihrem Vater an:
Er stammte aus Hardegsen in der Nähe von Göttingen; war 1740 geboren und ging früh unter die Soldaten, machte den 7jährigen Krieg 1756—1768 und andere Kriege mit, stieg schnell empor, wurde Adjutant und Hauptmann, war ein stattlicher Mann, trug rote Uniform mit Silber, erhielt feine Pension aus England, wo Kurfürst Georg III. als König regierte; wurde als Freund des Generals von Seebach eingeladen, sich mit ihm auf dessen Gut Kammerforst bei Gotha zurückzuziehen, wo die beiden Offiziere bis zum Jahre 1790 zusammen lebten. Der Hauptmann Köchig war bereits 50 Jahre alt geworden und bisher unverheiratet geblieben; sein Freund war älter und wurde von Gicht geplagt, was ihn veranlagte, den Dr. Stammler in Mechterstädt zu Rate zu ziehen. Hauptmann Köchig schrieb eines Tages an diesen Arzt und erhielt in zierlicher Schrift eine Antwort von der Tochter, dass ihr Vater nicht zu Hause sei, die Botschaft ihm aber sofort nach seiner Rückkehr mitgeteilt werden solle. Der Hauptmann, der selbst eine gute Hand schrieb, sagte beim Empfang jener Zeilen, dass im Falle er sich noch verheiraten würde, er die Schreiberin dieses Briefes zur Frau haben möchte. Gesagt, getan! Als Dr. Stammler kam, hielt er um dessen Tochter an, bekam aber zur Antwort, dass sie noch sehr jung sei. Obgleich der General den Freund nicht gern verlieren wollte, gab er ihm doch den Galawagen, mit 4 Pferden bespannt, mit Kutscher und Bedienten in Livree zur Brautwerbung mit nach Mechterstädt, wo die Ankunft des schönen Mannes in hannöverischer Uniform am 4. Mai 1791 gewiss großes Aufsehen erregte. Die Werbung wurde angenommen und im November 1791 folgte die Hochzeit mit der einzigen Tochter des Dr. Stammler, der im Dezember vorher gestorben war, womit freilich auch die Trennung der Freunde verbunden war; denn der Hauptmann sollte nach Mechterstädt ziehen und Haus, Garten und Felder seiner Braut in Besitz nehmen. Bald