: Pierre-Joseph Proudhon
: Stefan Blankertz
: Dialektik der Demokratie Texte 1848 bis 1863
: Books on Demand
: 9783769373806
: 1
: CHF 7.90
:
: Politikwissenschaft
: German
: 286
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1848, ganz Europa im demokratischen Revolutionsfieber. Geht es nicht allen darum, die Fürsten- durch die Mehrheitsherrschaft zu ersetzen, die Staatsgewalt zu zentralisieren und ihre Eingriffe in Gesellschaft und Wirtschaft drastisch auszuweiten? Nein, nicht allen. Ein führender republikanischer und sozialistischer Theoretiker der Revolution in Frankreich, wo die Revolution im Februar 1848 triumphierte, warnt vor dem Missverständnis, die Republik auf rigoros durchgesetzten Mehrheitswillen, Zentralisation und Parteiengezänk aufzubauen: Pierre-Joseph Proudhon (1809-1864). Schon bald bewahrheiteten sich die düstersten Prognosen Proudhons: Das Volk wählte den Neffen von Kaiser Napoleon I. zum Präsidenten einer autoritär-zentralistischen Republik, Louis-Napoleon Bonaparte. Weil der sich von Proudhons Schriften beleidigt sah, wurde Proudhon zu Gefängnis verurteilt und musste sein Experiment mit einer Genossenschaftsbank, das erfolgreich gestartet war, abbrechen. Als Neuwahlen drohten, putschte Louis-Napoleon Bonaparte sich zum Diktator auf zehn Jahre. Das Volk sanktionierte den Schritt per Plebiszit. Ein Jahr drauf erklärte er sich zu Kaiser Napoleon III. Auch diesen Schritt segnete das Volk ab. Proudhon wurde für eine weitere Schrift wiederum verurteilt und ging ins Exil nach Belgien. 1863 schwächelte die Herrschaft des Kaisers; der lockerte die Zensur und rief zu einer neuen Wahl auf. Proudhon kehrte nach Frankreich zurück und verfasste ein Pamphlet, in welchem er auf der Grundlage der hegelschen Dialektik zum Wahlboykott aufrief, und erreichte ein Millionenpublikum. Proudhons republikanisches Ideal richtete sich an Dezentralisation, Selbstverwaltung vor Ort und Föderation statt Zentralismus aus. Die in diesem Band sorgfältig und das erste Mal deutsch edierten Proudhon-Texte aus den Jahren 1848 und 1863 sind nicht nur historisch interessant, sondern auch aktuell, denn sie helfen, die allgegenwärtige Krise der zentralistischen, mehrheitswütigen und illiberalen Demokratie zu verstehen und eine bessere, freiheitlichere Alternative anzustreben.

Pierre-Joseph Proudhon, 1809-1865, Demokrat und Sozialist, aktiv an der Revolution 1848 in Frankreich beteiligt, begründete 1840 den Anarchismus. 1849 wurde er wegen angeblicher Beleidigung des Präsidenten, des späteren Kaisers Napoleon III., zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Haft und wegen einer weiteren Schrift erneut angeklagt, ging er nach Belgien ins Exil. 1863 durfte er zurückkehren und rief zum Wahlboykott gegen den Kaiser auf. Zeitlebens trat er für Frieden, Freiheit und lokale Selbstverwaltung ein. Er bevorzugte eine langsame evolutionäre vor einer revolutionären Entwicklung der Gesellschaft.

EINLEITUNG


Der größte aller Sozialisten sei Proudhon gewesen, sagte der deutsche Anarchist Gustav Landauer 1911.2 — Welche Art Sozialist? Und was zeichnete ihn vor den anderen aus?

1848. Ganz Europa im Revolutionsfieber. Im Februar begann es in Frankreich, die Revolution fegte die harmlose, aber konservativ-verstaubte Monarchie des Bürgerkönigs hinweg, die nach der Julirevolution 1830 inthronisiert wurde, um sie durch eine liberale und soziale Demokratie zu ersetzen. Im Monatstakt folgten Italien und Deutschland, mit weniger Erfolg. Die deutschen und italienischen Revolutionäre mischten als Zutat in ihre Forderungen die nach nationaler Einheit.

Weil die Revolution von 1848 zu der unmittelbaren Vor - geschichte der heute herrschenden bürgerlichen Demokratie zählt, wird in der offiziellen Geschichtsschreibung der Eindruck erweckt, beim Programm der Revolutionäre habe es sich mehr oder weniger um ein stimmiges, also harmonisches Ganzes gehandelt. Sie wollten alle ungefähr das Gleiche und das, was sie wollten, hätte auch ohne innere Widersprüchlichkeit umgesetzt werden können, wenn die monarchistische Reaktion es nicht verhindert hätte. In ihrem berühmt-berüchtigtenKommunistischen Manifest setzten Karl Marx und Friedrich Engels sich zwar bereits theoretisch von der Ideologie der bürgerlichen Demokratie ab, schlossen das Manifest jedoch mit zehn Forderungen, die in keiner Weise über sie hinaus gingen. Marx brauchte mehr als 25 Jahre, um sich am Paradigma der 1848er abzuarbeiten: 1875 kritisierte er das Gothaer Programm der Vorläuferorganisation der SPD, in dem die Forderungen von 1848 einfach fortgeschrieben wurden. Das Kind war allerdings bereits in den Brunnen gefallen. Der realpolitische Einfluss des Marxismus, sei es in der reformistischen Variante der Sozialdemokraten, sei es in der späteren revolutionären Variante der Bolschewisten, nachher: Kommunisten, zielte darauf ab, die Staatsgewalt auszubauen. Alle kritischen Ansätze, die Marx vorsichtig von Proudhon gelernt hatte (ohne es je einzugestehen), blieben graue Utopie.

… Proudhon,wer? Pierre-Joseph Proudhon, 1809 bis 1865, französischer Demokrat und Sozialist und allem voran Hegelianer, hatte 1840 den Anarchismus als politische Idee und revolutionäre Bewegung aus der Taufe gehoben. Anarchismus, Anarchie: Es geht auch ohne Herrschaft, es geht besser ohne Herrschaft. Unter Demokratie verstand Proudhon nicht stupides Abstimmen beliebiger Massen über Dinge, die sie weder verstehen noch etwas angehen, sondern die Entscheidungsfindung in überschaubaren und freiwilligen Gruppen. Unter Sozialismus verstand Proudhon nicht die bürokratischen und diktatorischen Prozeduren in zentralstaatlichen Verwaltungseinheiten, sondern den lebendigen Austausch und die mitmenschliche Solidarität ohne äußeren Zwang.

Mit beiden Kennzeichnungen setzte Proudhon sich in Gegensatz zu den herrschenden Interpretationen der Revolution, und zwar ganz besonders in Gegensatz zu deren nationalistischen Aspekten.3 Nicht aber in Gegensatz zu den wirklichen Bestrebungen des Volks. Sicher kann man ein kritisches Fragezeichen machen hinter Proudhons manchmal mystifizierende (und sehr hegelianische) Bezug