Der größte aller Sozialisten sei Proudhon gewesen, sagte der deutsche Anarchist Gustav Landauer 1911.2 — Welche Art Sozialist? Und was zeichnete ihn vor den anderen aus?
1848. Ganz Europa im Revolutionsfieber. Im Februar begann es in Frankreich, die Revolution fegte die harmlose, aber konservativ-verstaubte Monarchie des Bürgerkönigs hinweg, die nach der Julirevolution 1830 inthronisiert wurde, um sie durch eine liberale und soziale Demokratie zu ersetzen. Im Monatstakt folgten Italien und Deutschland, mit weniger Erfolg. Die deutschen und italienischen Revolutionäre mischten als Zutat in ihre Forderungen die nach nationaler Einheit.
Weil die Revolution von 1848 zu der unmittelbaren Vor - geschichte der heute herrschenden bürgerlichen Demokratie zählt, wird in der offiziellen Geschichtsschreibung der Eindruck erweckt, beim Programm der Revolutionäre habe es sich mehr oder weniger um ein stimmiges, also harmonisches Ganzes gehandelt. Sie wollten alle ungefähr das Gleiche und das, was sie wollten, hätte auch ohne innere Widersprüchlichkeit umgesetzt werden können, wenn die monarchistische Reaktion es nicht verhindert hätte. In ihrem berühmt-berüchtigtenKommunistischen Manifest setzten Karl Marx und Friedrich Engels sich zwar bereits theoretisch von der Ideologie der bürgerlichen Demokratie ab, schlossen das Manifest jedoch mit zehn Forderungen, die in keiner Weise über sie hinaus gingen. Marx brauchte mehr als 25 Jahre, um sich am Paradigma der 1848er abzuarbeiten: 1875 kritisierte er das Gothaer Programm der Vorläuferorganisation der SPD, in dem die Forderungen von 1848 einfach fortgeschrieben wurden. Das Kind war allerdings bereits in den Brunnen gefallen. Der realpolitische Einfluss des Marxismus, sei es in der reformistischen Variante der Sozialdemokraten, sei es in der späteren revolutionären Variante der Bolschewisten, nachher: Kommunisten, zielte darauf ab, die Staatsgewalt auszubauen. Alle kritischen Ansätze, die Marx vorsichtig von Proudhon gelernt hatte (ohne es je einzugestehen), blieben graue Utopie.
… Proudhon,wer? Pierre-Joseph Proudhon, 1809 bis 1865, französischer Demokrat und Sozialist und allem voran Hegelianer, hatte 1840 den Anarchismus als politische Idee und revolutionäre Bewegung aus der Taufe gehoben. Anarchismus, Anarchie: Es geht auch ohne Herrschaft, es geht besser ohne Herrschaft. Unter Demokratie verstand Proudhon nicht stupides Abstimmen beliebiger Massen über Dinge, die sie weder verstehen noch etwas angehen, sondern die Entscheidungsfindung in überschaubaren und freiwilligen Gruppen. Unter Sozialismus verstand Proudhon nicht die bürokratischen und diktatorischen Prozeduren in zentralstaatlichen Verwaltungseinheiten, sondern den lebendigen Austausch und die mitmenschliche Solidarität ohne äußeren Zwang.
Mit beiden Kennzeichnungen setzte Proudhon sich in Gegensatz zu den herrschenden Interpretationen der Revolution, und zwar ganz besonders in Gegensatz zu deren nationalistischen Aspekten.3 Nicht aber in Gegensatz zu den wirklichen Bestrebungen des Volks. Sicher kann man ein kritisches Fragezeichen machen hinter Proudhons manchmal mystifizierende (und sehr hegelianische) Bezug