Kapitel 1
ES GIBT KEINEN TOD
„Niemand stirbt.
So etwas wie den Tod gibt es nicht.
Es gibt nur ewiges Leben - und das bist du.
(Robert Adams)
„Dieser Ort ist ein Traum.
Nur ein Schläfer hält ihn für real.
Dann kommt der Tod wie die Morgendämmerung
und du wachst auf und lachst über das,
was du für deinen Kummer gehalten hast.“
(Rumi)
Im Juni 2015 ließ mein Vater unerwartet seinen Körper zurück. Als ich kurz darauf einer Bekannten begegnete und ihr mitteilte, dass der Grund meiner bevorstehenden Heimreise die Beerdigung meines Vaters ist, hat sie mir durch ihre Reaktion, welche sicher repräsentativ für das Kollektiv ist, einen Einblick in den allgemeinen Zustand der Menschen gewährt. Denn diese Reaktion, die ich im Folgenden möglichst genau zu beschreiben versuche, demonstrierte mir eindringlich, dass viele Menschen nicht mit dem Tod umgehen können. Mehr noch dass die meisten Menschen offensichtlich nicht wissen, was der Tod eigentlich ist. Die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Tod und den Hinterbliebenen eines Verstorbenen ist beträchtlich und in meinen Augen alarmierend, weshalb ich mich verpflichtet fühlte, u. a. dieses Kapitel zu verfassen.
Nun zu ihrer Reaktion auf die Neuigkeit:
Ohne Zeitverzögerung fiel ihr der Unterkiefer herunter und sie blickte mich mit weit aufgerissenen Augen an, in denen sich zudem überraschend schnell Tränen bildeten. Innerhalb weniger Sekunden errötete ihr Gesicht und sie begann, am gesamten Körper zu zittern. Man muss wahrlich kein Experte für Körpersprachendeutung sein, um zu registrieren, dass ein Mensch, der solch ein Verhalten zeigt, am liebsten augenblicklich der Situation entweichen würde. Sie stotterte und wusste offensichtlich nicht, welche Worte sie wählen könnte, um angemessen zu reagieren. Mehr als alles andere aber verunsicherte sie die Gelassenheit, mit der ich dieser Situation begegnete. Angesichts dieser Interaktion kam ein geradezu merkwürdiger Gedanke auf:
Wessen Vater ist denn nun eigentlich gestorben?
Obwohl ich mich zwis