: Michael Moorcock
: Mutter London Roman
: Memoranda Verlag
: 9783910914353
: Carcosa
: 1
: CHF 16.20
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 680
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die junge Mary Gasalee erwacht aus einem Jahre währenden Schlaf und findet ein London vor, das sich grundlegend von der Stadt unterscheidet, an die sie sich aus Kriegszeiten erinnert. Zwei völlig unterschiedliche Männer helfen ihr, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden - der Schauspieler und Freigeist Josef Kiss und der Historiker und Einsiedler David Mummery. Doch nicht nur eine starke Zuneigung verbindet diese drei: Sie sind auf geheimnisvolle Weise in der Lage, den Bewusstseinsströmen der anderen Großstadtbewohner zu lauschen, eine Fähigkeit, die sie zwar zu besonderen Menschen macht, ihnen manchmal aber auch den Verstand zu rauben droht. In wechselnden Lebenskonstellationen erkunden sie die ausufernde Metropole London, fortwährend auf der Suche nach einem Miteinander, das ihnen gemäß ist. Michael Moorcock führt uns über Prachtstraßen und durch abgelegene Viertel, lässt uns am Dasein von Arbeitern und Künstlerinnen, Dieben und vornehmen Damen teilhaben und erzählt mit viel Humor vom Schicksal der Bewohner einer Stadt voller Mythen und Abenteuer.

Michael Moorcock (*1939 in London) schreibt seit den 1960er Jahren Fantasy, Science Fiction, Thriller und realistische Romane und hat als Herausgeber von NEW WORLDS nicht nur die britische Literaturszene revolutioniert. Mit seiner Serie um den bleichen Schwertkämpfer Elric von Melniboné hat er Weltruhm erlangt. Für sein Lebenswerk wurde er u. a. mit dem World Fantasy Award, dem Prix Utopiles, dem Bram Stoker Award und dem Grand Master Award der SFWA ausgezeichnet. Er lebt zusammen mit seiner Ehefrau Linda in Texas.

Wenn im schneebedeckten Efeugerank

Das Käuzchen über dem Wolfe klagt,

Der die Jungen der Wölfin frisst.

Samuel Taylor Coleridge,

Die Ballade vom alten Seemann

Als ich ein Junge war, mussten mein Bruder David und ich immer früh zu Bett gehen, ob wir nun müde waren oder nicht. Besonders im Sommer kam die Schlafenszeit oft vor Sonnenuntergang; und weil unser Zimmer im Ostflügel des Hauses lag, mit einem breiten Fenster, das auf den Innenhof hinausging und somit nach Westen, drang das grelle rosafarbene Licht manchmal noch stundenlang herein, während wir dalagen und zu dem verkrüppelten Äffchen meines Vaters hinausstarrten, das auf einer Balkonbrüstung saß, von der der Rost abblätterte, oder einander mit lautlosen Gesten Geschichten erzählten, von einem Bett zum anderen.

Unser Schlafraum lag im obersten Stockwerk des Hauses, und vor unserem Fenster war ein schmiedeeisernes Gitter befestigt, das wir nicht öffnen durften. Vermutlich wurde befürchtet, dass ein Einbrecher an einem regnerischen Morgen (nur dann konnte er hoffen, das Dach, auf dem so etwas wie ein Lustgarten eingerichtet war, leer vorzufinden) ein Seil herablassen und so in unser Zimmer eindringen könnte, falls das Gitter nicht geschlossen war.

Dieser hypothetische und äußerst beherzte Dieb hätte es natürlich nicht nur auf uns abgesehen. Kinder waren, Jungen wie Mädchen, in Port-Mimizon außerordentlich günstig zu haben; tatsächlich war mir einmal erklärt worden, dass mein Vater, der früher mit ihnen gehandelt hatte, dies inzwischen wegen der schwachen Nachfrage unterließ. Ob das nun der Wahrheit entsprach oder nicht, jeder – oder fast jeder – kannte einen Experten, der das Gewünschte beschaffen konnte, in angemessenem Rahmen und zu einem niedrigen Preis. Diese Männer hatten die Kinder der Armen und der Sorglosen im Blick, und sollte es jemanden, sagen wir, nach einem braunhäutigen, rothaarigen kleinen Mädchen verlangen oder nach einem, das drall war oder lispelte, nach einem blonden Jungen wie David oder einem blassen, braunhaarigen, braunäugigen wie mir, konnten sie dergleichen innerhalb weniger Stunden besorgen.

Ebenso wenig würde uns der imaginäre Einbrecher aller Wahrscheinlichkeit nach eines Lösegelds wegen entführen, obwohl manche Leute meinen Vater für unermesslich reich hielten. Dafür gab es mehrere Gründe. Die wenigen Menschen, die wussten, dass mein Bruder und ich überhaupt existierten, wussten auch – oder hatten jedenfalls Grund zu der Annahme –, dass wir unserem Vater vollkommen gleichgültig waren. Ob das der Wahrheit entsprach oder nicht, vermag ich nicht zu sagen; ich habe es auf jeden Fall geglaubt, und mein Vater gab mir nie den geringsten Anlass, daran zu zweifeln, obwohl mir der Gedanke, ihn zu töten, damals noch nicht gekommen war.

Und falls diese Gründe noch nicht überzeugend genug ausfielen: Jeder, der etwas von dem Milieu verstand, dessen Dreh- und Angelpunkt mein Vater vielleicht geworden war, musste sich darüber im Klaren sein, dass dieser sich, gäbe er einmal so leichtfertig Geld heraus, der Gefahr zahlloser ruinöser Angriffe aussetzen würde; war er doch bereits gezwungen, die Geheimpolizei mit enormen Summen zu bestechen. Das mag der eigentliche Grund gewesen sein, warum wir nie gestohlen wurden – das und die Furcht, die er verbreitete.

Das Eisengitter ist (denn ich schreibe dies in meinem alten Schlafraum) so gefertigt, dass es, auf starre und übertrieben symmetrische Weise, den Zweigen einer Weide ähnlich sieht. In meiner Kindheit schlang sich die Ranke einer (seither ausgegrabenen) Silbertrompete darum, di