NACHT DER GEISTER
Elias sah zum Zugfenster hinaus. Felder und Wälder zogen an ihm vorbei, während er seinen Gedanken nachhing. Er hatte die dunkelblaue Sportjacke an, die er von seinem Vater zum Geburtstag vor ein paar Tagen bekommen hatte. Richard war zwar auf Geschäftsreise und konnte ihm die Jacke nicht persönlich geben, aber immerhin schenkte er ihm keinen Blazer, wie sonst immer in den letzten Jahren. Am Handgelenk trug er das Armband mit den schwarzen, runden Steinen, das sich in dem Stoffsäckchen befunden hatte – Gretes Geburtstagsgeschenk an ihn.
Nur wenige Fahrgäste reisten mit diesem Zug, sodass er sich in einem eigenen, vom Gang abgetrennten Abteil breitmachen konnte. Da er an beiden Wohnorten voll ausgestattet war, hatte er nur einen kleinen Rucksack und Gretes Papiertüte dabei. Die Fahrt führte an Städtchen, Dörfern und Höfen vorbei. Es war eine ländliche, idyllische Gegend. Hin und wieder grinsten ihn geschnitzte Kürbisse an.
Auf der Fahrt in seine Unistadt plante Elias oft einen Besuch beim Grab seiner Mutter ein. So auch dieses Mal. Es befand sich auf einem kleinen Waldfriedhof am Rande eines Dorfes.
Der Zug fuhr schnell, für diese Gegend zu schnell, da es recht kurvig war. Oder kam es ihm nur so vor? Wenn er nicht zum Fenster hinaussehen könnte, würde er dann bemerken, dass er sich bewegte? Er schloss die Augen und spürte ein leichtes Vibrieren und Ruckeln. Alles war Bewegung. Auch die Erde stand niemals still. Doch niemand fühlte, wie die Welt sich drehte. Elias fielen die alten Griechen ein. Sie hatten den Begriff eines ›unbewegten Bewegers‹ begründet. Dieser sei der Ursprung von allem. Würde dieser dann vollkommen stillstehen?
Elia