: Gerrit Jan Heering
: Peter Bürger
: Der Sündenfall des Christentums Eine Untersuchung über Christentum, Staat und Krieg - Aus dem Holländischen übersetzt durch Octavia Müller-Hofstede de Groot, 1930
: Books on Demand
: 9783769394573
: edition pace
: 1
: CHF 4.50
:
: Religion/Theologie
: German
: 316
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der Erste Weltkrieg führte den niederländischen Theologen Gerrit Jan Heering (1879-1955), Hochschullehrer am Seminar der Remonstranten und Mitbegründer der Vereinigung"Kerk en Vrede" (Church and Peace), zu einem radikalen Antikriegsstandpunkt. Im Vorwort zu dem hier neu edierten Werk"Der Sündenfall des Christentums" (Erstauflage NL 1928, dt. Übersetzung 1930) schreibt er: Ich will"ernsthaft auseinandersetzen, dass Christentum und Krieg - jetzt mehr denn je - unversöhnliche Gegensätze sind. Ich will zwischen die christliche Lehre und die Ideologie des Krieges einen Keil treiben. Beide Systeme sind von der Geschichte zwangsweise zusammengeführt und werden jetzt in künstlicher Weise zusammengehalten. Ich will an das christliche Gewissen und an das von diesem Gewissen gelenkte vernünftige Denken appellieren und fragen, ob es nicht die höchste Zeit ist, dass Kirche und Christen sich prinzipiell gegen das ganze Kriegswesen auflehnen. ... Es war eine verhängnisvolle Wendung in der Geistesgeschichte, die während und nach der Zeit von Kaiser Konstantin sich vollzog; durch das enge Bündnis zwischen Staat und Kirche ging das Bewusstsein des Gegensatzes zwischen Christentum und Krieg ... verloren ...; das schlimmste ist, dass man (seither) ... ruhig Böses gut nennt. ... Die Art, wie in allen christlichen Ländern die Kirche direkt in das gegenseitige Gemetzel des letzten Krieges hineingezogen worden ist, nämlich als unentbehrlicher, als inspirierender Faktor, demonstriert jenen Sündenfall in deutlichster und greulichster Weise. Es ist kein größerer Abstand und Gegensatz denkbar, als zwischen Christus und dem modernen Krieg. Wer dies verneint, hat die Realität eines von beiden oder beider nicht klar gesehen. Das militärische Christentum unserer Tage kann nicht schärfer gerichtet werden, als es durch das Christentum Christi geschieht." edition pace. Regal: Pazifismus der frühen Kirche 4. Herausgegeben von Peter Bürger, In Kooperation mit: Lebenshaus Schwäbische Alb, Ökumenisches Institut für Friedenstheologie, Thomas Nauerth (Portal: Friedenstheologie).

Gerrit Jan Heering, geboren am 15. März 1879 in Pasuruan/Indonesien, gestorben am 18. August 1955 in Oegstgeest, wurde nach seinem Theologiestudium Hochschullehrer am Seminar der Remonstranten in Leiden (NL). - Der Vater hatte seit 1868 Prediger in Indonesien gewirkt. Die Familie kehrte 1881 in die Niederlande zurück. - G.J. Heering ist Prediger geworden wie sein Vater, aber mit einer anders ausgerichteten Theologie, die er in seiner Zeit als Professor auch durch seine Werke fundiert hat. Als Prediger diente er den Remonstranten-Gemeinden von Oude Wetering (1904-1907), Dordrecht (bis 1913) und Arnheim (bis zum Beginn seines Hochschullehramtes, April 1917). G.J. Heering entwickelte eine eigene"Dogmatik auf der Grundlage der Evangelien und der Reformation" und schrieb u.a. über den"Platz der'Sünde' in der freisinnigen-christlichen Dogmatik" (1912). Der Erste Weltkrieg führte ihn zu einem radikalen Antikriegsstandpunkt, beeinflusst von Hilbrandt Boschma. Heering fasste seine Erkenntnisse zum kriegsfreundlichen Kirchentum 1928 in dem Werk"Der Sündenfall des Christentums" zusammen (Übersetzungen in 4 Sprachen) und gründete mit anderen die Vereinigung"Kerk en Vrede", in der er viele Jahre zu den leitenden Persönlichkeiten gehörte. Auch in der internationalen pazifistischen Vernetzung engagierte er sich federführend. 1933 wurde der Niederländer für den Friedens-Nobelpreis vorgeschlagen.

Zweites Kapitel


Christentum und Staat


I. Die alt-christliche und die katholische Synthese. Notwendige Synthese und notwendige Spannung zwischen zwei heterogenen Mächten. Paulus. Augustinus „zwei Staaten“. Thomas von Aquino. Das „corpus christianum“.


Die Lage der Christen hatte sich infolge der Versöhnung des Staates mit der Kirche im 4. Jahrhundert in mancher Beziehung geändert. Zum erstenmal besaßen sie ein Land, das ihnen nicht fremd und feindlich war, sondern das sie lieben konnten: ein Vaterland; zum erstenmal einen kirchenfreundlichen Staat, der für die Ordnung sorgte, die zum ruhigen Ausbau der Kirche nötig war. Und ihre Augen öffneten sich für die recht- und kulturfördernde Macht, die von einem geordneten Staat ausgehen kann. Übrigens ein wachsender und dauerhafter Kirchenorganismus konnte sich in Zukunft von der festen Umrahmung des Staates und seiner Rechtsorganisation, in der die ganze menschliche Gemeinschaft sich bewegte, nicht frei halten. Diese beiden Mächte mußten sich auf irgendeine Weise finden. Zwei Dinge sind ja sicher:

  1. Keine Religion hält sich auf die Dauer ohne irgendeine Organisation, d. h. ohne Kirchenform. Als das Christentum begriff, daß diese Welt nicht so bald „vergehe“, und daß es sich also mit ihr abfinden müsse, wurde die Bildung einer Kirche Lebensbedingung. Der Kirche verdankt das Christentum denn auch unendlich viel.
  2. Keine geordnete menschliche Gemeinschaft ist in dieser Welt möglich ohne Geltendmachung des Rechts. Die Mächte der Selbstsucht, der niederen Leidenschaft und der Kurzsichtigkeit erfordern dies. Auch das Christentum kann sein Haus der Liebe und Barmherzigkeit nur auf den festen Boden des Rechts aufbauen. Darum hat es auch großes Interesse daran, daß das Recht gehandhabt wird, wenn es auch selbst mehr als Recht ist.

Infolgedessen suchte das Christentum im 4. Jahrhundert den Staat. Und der Staat, der die gute Gesinnung seiner Bürger nicht entbehren kann, suchte die Kirche. Konstantins Übertritt zum Christentum vollzog sich in gewissem Sinn zur rechten Zeit. Aber das schwierige Problem war von nun an das Verhältnis zwischen Christentum und Staat, und blieb es durch die Jahrhunderte hindurch. Es schien erst so einfach: der Staat schützte die Kirche und die Kirche lieferte dem Staat die geistigen Kräfte. Aber wir sahen schon, welch schweren Tribut das Christentum, weil es seine Stellung zum Krieg ändern mußte, dem Staat sofort zu zahlen hatte. Es waren zwei verschiedene Größen mit ganz verschiedenem Lebensgebiet, die da zusammengeführt wurden, um künftig eine Gemeinschaft zu bilden. Man kann die Unterschiede in folgende Punkte zusammenfassen:

  • a) Das Christentum ist seinem Wesen nach jenseitig, gerichtet auf das Ewige, das Reich Gottes. Es ist von Haus aus stark dualistisch (ein Dualismus, der nur seine Grenzen in Gottes Schöpfung und Allmacht fand) und es sah dieses Reich Gottes im Gegensatz zur Welt, die „im Argen“ lag und „vorübergehe“. Infolgedessen stand es – als die Feindschaft des Römischen Reiches aufhörte – den weltlichen Mächten und den diesseitigen Zielen des Staates und seiner Bestimmung fremd gegenüber. Als aber nach dem Zwiespalt der Kontakt gefunden wurde, traten die anderen hiermit zusammenhängenden Schwierigkeiten um so schärfer hervor.
  • b) Das Christentum ist Weltreligion und kennt keinen Vorzug der einen Nation vor der anderen, der Staat dient ausschließlich den Interessen der eigenen Nation.
  • c) Die Lebensluft des Christentums ist die Freiheit, die des Staates die Rechtsorganisation mit Befehl und Zwang.
  • d) Da das Christentum das Verhältnis zwischen Gott und der menschlichen Seele in den Vordergrund stellt, hat es dem Menschen einen absoluten Wert und eine selbständige Bedeutung gegenüber allem, was von der Welt ist, zuerkannt96. Dadurch (und durch das subb Genannte) mußte die antike Staatsidee, die mit national-religiöser Autorität auftrat, und die in dem Menschen nur den Untertan sah, wegfallen. Die römischen Kaiser haben es in der Verfolgungszeit wohl gespürt, wie die Christen sich bewußt waren, daß sie mehr seien als Untertanen und, daß dieses Mehr ihr eigentliche