Jesu Gewaltverzicht hinsichtlich seines Umfanges in den Blick zu bekommen, ist angesichts der Quellenlage und des großen zeitlichen Abstandes kein unproblematisches Unterfangen. Selbstverständlich heißt es dabei, die Ergebnisse der historisch-kritischen Exegese aufzugreifen, was freilich nicht ausschließen muß, sich in die Existenz Jesu, d. h. hier sein Ringen um den rechten Weg in den Auseinandersetzungen mit den religiösen und politischen Kräften seiner Zeit,einzufühlen. Das Profil Jesu, die Konturen seines gewaltfreien Handelns erschließen sich – das unterstreicht auch die Vielfalt der zitierten Beiträge – im Geltenlassen, mehr noch in der einander ergänzenden Zusammenführung unterschiedlichster Entdeckungsversuche. Eine historisch völlig abgesicherte Wiedergabe des Verhaltens Jesu wird es niemals geben und braucht es auch niemals zu geben: der geglaubte, kerygmatische Jesus ist zugleich auch der irdische, historische Jesus, wie umgekehrt der historische Jesus als vor allem der geglaubte zur Überlieferung Anlaß gibt.
Natürlich ist dabei auch die Unterscheidung von jesusechten Worten bzw. Taten und sogenannten Gemeindebildungen35 und – damit verbunden – die interessante und reizvolle Frage nach dem historischen Jesus36 angezeigt. Um jedoch nicht in dem weiten Feld der dadurch aufgeworfenen (Vor)fragen stecken zu bleiben, wird dem hier nur exemplarisch und nicht durchgängig entsprochen. Das Bild des historischen Jesus mag von den Verfassern und Redaktoren der neutestamentlichen Schriften verschiedentlich verzeichnet sein, indes niemals so verzerrt, daß dadurch das Anliegen Jesu verdunkelt oder gar verraten wäre. Der geglaubte Jesus der nachösterlich entstandenen schriftlichen Zeugnisse ist auch ein Spiegelbild des historischen, mehr noch: eine dichte Wiedergabe jesuanischen Profils. Die Inkaufnahme einer mehr verschwommenen Sicht des historisch wahren Wirkens Jesu, die z. T. unkritische Hinnahme vielfältiger, situations- und auseinandersetzungsbedingter Einfärbungen37 halten freilich dazu an, wo immer im folgenden vomGewaltverzicht Jesu die Rede ist, ergänzend mitzudenken: imZeugnis seiner ersten Jünger, in der Wiedergabe der Evangelisten. Um es abschließend noch einmal zu betonen: so sinnvoll die angedeuteten Differenzierungen sind, hier würden sie, streng durchgehalten, den Versuch einer Orientierung in der Gewaltfrage, ausgehend vom Beispiel Jesu, eher behindern als fördern. Nach Jesu Verhältnis zur Gewalt fragen heißt auch, nach dem der ersten Gemeinden (in denen die schriftlichen Glaubenszeugnisse entstanden sind) fragen. Darin sauber unterscheidende Detailuntersuchungen bleiben reizvoll und sind überaus wünschenswert; hier können sie nicht geleistet bzw. nicht in jedem Fall referiert werden.
Mit diesen Einschränkungen gilt es nun, in einem ersten Kapitel nachUmfang und Tragweite des Gewaltverzichts Jesu zu fragen, um in den beiden darauffolgenden Kapiteln (2 und 3) dieGründe undAbsichten seines Verhaltens so herauszuarbe