1. KAPITEL
„Sag mir noch mal, dass ich das Richtige tue.“
„Du tust, was du tunmusst.“
„Wirklich?“
„Helena, wenn du willst, dass ich dich davon abbringe, dann mache ich es. Mich kümmern weder die Gäste noch die Kirche, der Medienrummel, den dieses Brimborium auf den Plan gerufen hat, oder das verdammte Geld.“
Ächzend wandte Helena sich von ihrem Spiegelbild ab. „Du hast recht. Esist ein Brimborium. Stell dir nur vor, was passieren würde, wenn alle die Wahrheit wüssten.“ Ihr Herz machte einen schuldbewussten Satz.
Diese Hochzeit war eine Farce, ein Schwindel. Aber sie war auch die einzige Lösung für die furchtbare Lage, in der sie sich befand – der einzige Weg, um ihre Stiftung, Incendia, zu retten.
„Wenn Casanova Leander die Medien bloß nicht in helle Aufregung versetzt hätte“, scherzte Kate.
Helena musste lächeln. Leander Liassidis mochte der Inbegriff des Playboys sein, doch als sie ihn gebraucht hatte, war er zu ihrem Fels in der Brandung geworden. Sie liebte ihn wie einen Bruder. Ob er eines Tages wohl selbst einen Menschen fand, den er innig lieben konnte? Diese Sorge war vielleicht einen Hauch ironisch, weil Helena in weniger als zwanzig Minuten durch das Kirchenschiff auf Leander zugehen würde, damit ein Pfarrer sie vor hundertfünfzig Gästen zu Ehemann und Ehefrau erklärte. „Wenn meine Erbschaft bloß nicht diesen lächerlichen Haken hätte.“
„Was um alles in der Welt hat sich dein Vater dabei gedacht? Als ob der Zugang zu deinem Erbe von einem Mann abhängen sollte.“
Helena verspürte einen Stich, wie immer, wenn sie an ihren Vater dachte. Er war kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag gestorben, und es verging kein Tag, an dem sie ihn nicht vermisste. „Na ja, wenn ich noch zwei Jahre warten könnte, bis ich achtundzwanzig bin, wäre all dies überhaupt nicht nötig.“
„Natürlich, wie vernünftig“, erwiderte Kate sarkastisch. „Eine Frau wird ja erst dann reif, wenn sie einen Mann heiratet oder fast dreißig ist!“
Wieder musste Helena lächeln. Kate und sie standen unerschütterlich füreinander ein. Die Bindung zwischen ihnen war sogar noch enger als in einer Familie, weil sie sich selbst dafür entschieden hatten.
„Meine Mutter hätte mir bestimmt geholfen, das Testament anzufechten, wenn uns mehr Zeit geblieben wäre“, erklärte Helena, ohne Kates skeptischen Blick zu registrieren. „Aber so ein Prozess dauert zu lange und erregt zu viel Aufmerksamkeit. Incendias Finanzbericht ist im Dezember fällig. Selbst wenn die Polizei Gregory bis dahin schnappt, kann das Geld, das er unterschlagen hat, erst nach einer umfassenden Untersuchung und einem Gerichtsverfahren erstattet werden.“
Helena hatte nie geglaubt, eines Tages für die Stiftung arbeiten zu dürfen, die ihr eine solche Hilfe in der Not gewesen war. Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie Angst gehabt, einzuschlafen und nie wieder aufzuwachen, genau wie er in jener furchtbaren Juninacht. Dank der Empfehlung einer Lehrerin im Internat war sie bei Incendia gelandet. Neben Trauerbegleitung hatte die Stiftung ihr auch einen Gentest ermöglicht, um herauszufinden, ob sie wie ihr Vater am Brugada-Syndrom litt. Der Test war negativ ausgefallen.
Inspiriert durch all das Gute, das Incendia leist