Kapitel 1
„Kannst du mir sagen, wo es hier zur Pension Döpfner geht?“ frage ich den Jungen mit den dunklen Locken, der auf dem Gehsteig Fußball spielt. „Ich bin die ganze Straße jetzt schon zweimal auf und ab gegangen, konnte aber nur Einfamilienhäuser entdecken.“
Der Kleine grinst. „Das liegt daran, dass Sie hier die Waldstraße absuchen. Pension Döpfner gibt es aber nur auf dem Waldweg, und der ist am anderen Ende des Dorfs.“
Ich atme auf. „Da bin ich beruhigt. Ich dachte schon, ich sei im falschen Ort gelandet.“
„Nee, da sind Sie schon richtig. Aber ob Sie in der Pension Döpfner richtig sind, da bin ich nicht so sicher“, orakelt er.
Ich verschweige ihm, dass ich mich als verdeckte Ermittlerin dort einmieten will, um vor Ort nach der verschwundenen Marisa zu suchen und stelle mich unwissend. „Ist damit etwas nicht in Ordnung? Ich dachte, das sei eine Pension, in der man ein Zimmer mieten kann, um die schöne Gegend hier zu genießen.“
Er verzieht das Gesicht und hebt die Augenbrauen. „Wirklich? So viele Urlauber wohnen da nicht. Die meisten Gäste sind Montagearbeiter. Seit ein paar Monaten wohnen dort auch ein paar Handwerker aus der nahen Großstadt. Sie mussten dahin ausweichen, weil es in einem Mehrfamilienhaus einen Brand gab.“
„Das tut mir für diese Menschen leid“, bemerke ich. „Aber ich denke, diese Gäste und ich, wir werden uns nicht gegenseitig stören.“
Er grinst wieder. „Das kann man nie wissen. Die Besitzerin dieser Pension ist nämlich plötzlich verschwunden, und keiner weiß, wo sie ist. Frau Hintermeier, die dort arbeitet, fürchtet, dass ihrer Chefin irgendetwas passiert ist.“
Jetzt wird es für mich interessant. Ob er mehr weiß?
„Verschwunden? Einfach so? Seit wann denn?“ stelle ich mich unwissend.
Er legt den Fußball an die Seite. „Einfach so? Das weiß man nicht. Es ist jetzt eine Woche her, und das Komische ist, dass sie weg ist, ohne etwas mitzunehmen. Soll ich dir zeigen, wo das Haus ist?“
„Das wäre prima“, stimme ich ihm zu und hoffe auf viele Informationen. „Ich bin die Carolin und will ein paar Tage hierbleiben. Und wer bist du?“
Er hebt den Fußball auf und wirft ihn hinter den Zaun in einen Garten. „Ich bin Tobi und wohne hier in diesem frischgestrichenen Haus. Das müssen wir immer mal wieder machen, auch wenn es viel Geld kostet. Mama sagt, wo Touristen hinkommen, müssen die Häuser immer hübsch aussehen.“
Er scheint gesprächig zu sein, und ich freue mich darüber. „Dann vermietet ihr auch an Gäste?“
„Ja, das machen hier fast alle, aber die meisten haben nur so ein oder zwei Zimmer für Fremde. Marisa ist die Einzige, die ein richtig großes Gästehaus hat.“ Mit strammen Schritten marschiert er los, und ich folge ihm eilig.
„Und die Zimmer sind dann auch immer alle voll?“ frage ich interessiert.“
„Fast immer“, weiß er. „Es ist ein ziemlich neues Haus, mit supermodernen Duschen und Minibars. Das hat nicht jeder hier im Dorf für die Touristen. Viele Zimmer sind noch ganz einfach.“
„Dann ist sie bestimmt eine nette Frau, wenn sie so viel für ihre Gäste tut“, versuche ich, ihn weiter zum Sprechen zu bewegen.
„Sehr nett“, teilt er mir bereitwillig seine Meinung mit. „Sie macht alles für ihre Gäste. Es gibt da sogar einen großen Spiele-Salon, da gibt es oft lustige Abende. Und im Sommer macht sie draußen Terrassenpartys und Grillfeste. Das hat natürlich nicht allen Leuten hier gefallen.“
„Nein, nicht?“ frage ich naiv. „Es ist doch schön, wenn sich Menschen freuen und lustig sind. Oder waren sie nachts zu laut?“
Er schüttelt den Kopf. „Nein, zu laut waren sie nicht. Die Pension ist doch ziemlich weit draußen. Da hört man nicht alles bis zum Dorf. Aber manchmal sind auch Gäste zu ihr gekommen, die vorher woanders im Dorf übernachtet haben. Das fanden natürlich nicht alle schön.“
„Sie hat Gäste abgeworben?“ Ich werde hellhörig. „Wie ist das denn abgelaufen? Hat sie jemanden deswegen angesprochen?“
„Das brauchte sie gar nicht. Im Dorf-Gasthof und im Café haben sich die Touristen natürlich unterhalten und sich auch gegenseitig erzählt, wie und wo sie untergebracht sind. Und dann ist es natürlich herausgekommen. Sie kümmert sich eben sehr gut um alle, die zu ihr kommen.“
„Ich denke, die anderen sind bestimmt nicht brotlos geworden. Es gibt ja auch Urlauber, die ihr eigenes Programm haben und gar keinen Anschluss im Urlaub suchen. Ich denke da an Paare, die für sich sein wollen, oder die Wanderer, die morgens früh schon losziehen und dann abends spät zurückkommen. Die brauchen bestimmt kein Unterhaltungsprogramm und sind dann sicher auch mit einer anderen Pension völlig zufrieden.“
„Ja, die wohnen alle noch im Ort. Und bei Marisa wohnen hauptsächlich Singles, auch die Dauer-Gäste sind Einzelpersonen.“
„Aha, dann hat sie wohl mehr Einzelzimmer. Die sind in anderen Gegenden ziemlich rar. Wahrscheinlich ist sie eine gute Geschäftsfrau. Kennst du ein paar von den Dauergästen?“
Tobi grinst. „Na klar, die kommen doch auch immer ins Dorf runter, wenn sie sich in dem kleinen Laden etwas kaufen wollen oder abends im Gasthof ein Bier trinken. Die kennt hier schon jeder.“
„Hoffentlich sind es nette Leute“, fahre ich banal fort. „Eine so nette Frau sollte auch nette Gäste haben.“
„Manche sind ab und zu länger weg und kommen dann für ein Wochenende zurück, und andere sind am Wochenende unterwegs. Jochen arbeitet im Kanalbau und kommt jeden Abend von der Arbeit zurück in die Pension. Am Wochenende wohnt er dann wieder bei seiner Frau.“
„Der ist bestimmt abends auch zu müde, um nach der Arbeit noch groß zu feiern“, vermute ich.
Tobi nickt. „Manchmal geht er abends noch in die Wirtschaft, um da zu essen. Bei Marisa kann man nämlich nur einen kleinen Imbiss bestellen, wenn man mag.“
„Wenn sie sonst so viel für die Leute tut, ist es erklärbar, dass sie nicht auch noch für alle kochen kann“, finde ich. „Möglicherweise hat von den Gästen auch jeder einen anderen Geschmack. Da braucht man dann schon eine Hotelküche.“
„Maximilian, der Schornsteinfeger, wohnt im Augenblick auch dort. Er lässt sich gerade scheiden und hat noch keine neue Wohnung“, verrät Tobi.
„Dann ist er bestimmt riesig froh, dass er für den Übergang so ein nettes Zuhause gefunden hat“, spekuliere ich.
„Im Moment ist der überhaupt nicht froh“, weiß der Junge. „Er ist ziemlich sauer über die Scheidung und im Moment ziemlich schlecht gelaunt. Meine Mama sagt immer, es wird Zeit, dass ihm ein anderer Schornsteinfeger einmal die Hand gibt.“
Ich sehe ihn erstaunt an. „Und was soll das ändern?“
Er lacht. „Es bringt Glück, wenn man einem Schornsteinfeger die Hand gibt. Jetzt braucht er einen anderen Kollegen, damit er selbst wieder Glück hat. Denn im Augenblick möchte ihm keiner die Hand reichen. Er hat schon einmal in der Wirtschaft randaliert, als er zu viel getrunken hatte.“
„Hat Marisa etwa noch mehr solcher Gäste?“ wage ich eine Nachfrage. „Da kann man sie ja beinah verstehen, wenn sie sich einmal ein paar Tage Urlaub nimmt.“
„Wenn man in den Urlaub fährt, packt man sich einen Koffer“, erinnert er mich. „Und ohne Geld und Papiere wird das auch nichts.“
Ich seufze leicht. „Du hast recht. Das war wohl ein schlechter Scherz. Hast du denn eine Ahnung, warum sie fort ist, und wohin sie sein kann?“
„Nein, obwohl ich auch ziemlich viel darüber nachdenke. Ich glaube, jemand hat sie entführt.“
Jetzt bin ich ganz durcheinander. „Entführt? Gab es denn Anzeichen dafür? Möchte jemand Lösegeld? Und wenn ja, von wem?“
„Sie hat keine Verwandten und auch keinen Partner. Also, mit Lösegeld kann das nicht zu tun haben. Aber ich habe einmal in den Nachrichten gehört, dass Menschen auch aus ganz vielen anderen Gründen entführt werden.“
„Sehr interessant“, finde ich. „Darüber musst du mir mehr erzählen!“
Wir sind an einem großen weißen Haus angekommen, das mit vielen bunt bepflanzten Blumenkästen einen einladenden Eindruck erweckt.
„Wenn Sie noch länger hierbleiben, können wir uns mal darüber unterhalten“, bietet er mir an. „Jetzt allerdings muss ich erst mal nach Hause. Meine Mutter wartet bestimmt schon mit dem Mittagessen.“
„Dann mach‘s gut...