PROLOG
Livana
ZWEI MONATE ZUVOR
An der Fensterscheibe konnte ich Eisblumen zählen, während sich immer mehr weiße Schneeflocken auf das Anwesen senkten. Seit wir das fünf Hektar große Gelände vor rund sieben Wochen erreicht hatten, hielten wir uns hinter den schützenden Mauern auf. Draußen waren es bis zu minus zwanzig Grad und auf meinem Körper breitete sich bereits eine Gänsehaut aus, wenn ich nur daran dachte, mich in den Schneesturm zu begeben. Obwohl es erst später Nachmittag war, legte sich die Dämmerung bereits über die Welt und es fiel mir schwer, den Horizont zu erkennen.
Ich wandte mich von dem bodentiefen Fenster ab. Das Zimmer, welches mir nach unserer Ankunft zugewiesen wurde, war in warmes Licht gehüllt und stand im starken Kontrast zum Rest des Geländes. Das Anwesen der Familie Sorokin lag etwa dreißig Minuten von Omsk, Sibirien, entfernt und war nicht nur beängstigend groß, sondern auch von einer eisigen Kälte der Bewohner beherrscht.
Meine vom Duschen noch feuchten Haare durchnässten den schwarzen Kaschmirpullover am Rücken, doch ich fror nicht. Die Fußbodenheizung in sämtlichen Räumen tat ihren Dienst täglich mehr als zuverlässig.
Ein Klopfen durchdrang die Stille, in der ich mich befand. Mein Blick schweifte zu der schwarzen Zimmertür, während sich mein Körper versteifte. Mit meiner Schwester und Jess hatte ich ein kurzes Klopfzeichen vereinbart, sodass wir immer wussten, wann eine der anderen vor der Tür stand. Einmal lang, zweimal kurz.
Es blieb stumm und ich sog tief die Luft ein. »Ja.«
Mein Herz klopfte etwas schneller in meiner Brust, während ich beobachtete, wie sich die Türe öffnete und ein Mädchen zum Vorschein kam. Sie war nur etwas älter als ich, dezent geschminkt und steckte in der für das Personal typisch schwarzen Dienstmädchenuniform. Ihre blonden Haare waren streng zurückgebunden und so wurden die scharfen Züge ihres Gesichts hervorgehoben.
»Mister Sorokin Senior erwartet Sie in der Bibliothek.« Ihr Englisch war brüchig und sie r