Kapitel 1 – Lady in Nöten
London, Anfang Oktober 1813
Jasper kauerte ganz oben auf der riesigen Kuppel der Saint Paul’s Cathedral und hielt sich mit seinen Krallen bespickten Fingern am Kreuz fest. Da das Gebäude geweiht war, konnten ihn hier keine finsteren Mächte aufspüren oder angreifen. Menschliche Augen würden ihn in dieser Höhe, über hundert Meter vom Boden entfernt, ebenfalls nicht wahrnehmen. Dunkle Wolken hatten sich vor den Vollmond geschoben, es nieselte leicht und frischer Wind kam auf, sodass Jasper erschauderte. Was für ein Mistwetter.
Seine mächtigen Schwingen lagen dicht am Körper an, sodass sie wie ein Umhang aus feinem Leder aussahen und ihn sogar ein wenig wärmten. Seinen richtigen Mantel, einen aus edler Wolle, trug er darunter, genau wie seine normale Kleidung: ein bequemes Leinenhemd, dunkle Breeches und kniehohe Stiefel. Die Herbstnächte waren kalt. Auf Weste und Krawattentuch hatte er der Bequemlichkeit halber allerdings verzichtet.
Die meisten seiner Kleidungsstücke, die er auf seinen Streifzügen anhatte, besaßen am Rücken Schlitze für seine Schwingen. Doch fliegen konnte er mit ihnen nicht, dafür äußerst gut von Dach zu Dach schweben.
Es hatte Vorteile, ein halber Gargoyle zu sein. Aber es verdammte ihn auch zu einem Leben voller Geheimnisse und Lügen. Von den Gefahren, denen er sich jede Nacht aussetzte, wollte er gar nicht erst anfangen.
Jasper schloss die Augen, spitzte die Ohren und lauschte angestrengt in die Dunkelheit, um herauszufinden, ob irgendwo Dämonen ihr Unwesen trieben. Er vernahm in der Nähe eilige Schritte, die über den Vorplatz trippelten – doch die gehörten einem Menschen. Etwas weiter entfernt trafen Pferdehufe auf Kopfsteinpflaster, und Hundegebell schallte ohnehin ständig aus mehreren Richtungen, selbst kurz nach Mitternacht.
Immerhin hielten sich um diese Zeit nicht mehr viele Leute auf den Straßen auf, zumindest keine, die ein Dach über dem Kopf hatten. Alles schien ruhig zu sein, wenigstens in diesem Viertel.
Jasper holte erleichtert Luft und atmete den typischen Londoner Mief ein. Es roch nach Abwasser, Fäkalien, Pferdemist, dem fauligen Gestank der Gerbereien, nach Blut und Abfällen der Schlachtereien und unzähligen anderen Düften, die ihm in der Nase brannten. Schwer hing auch der Rauch der Kohleöfen und Fabrikschornsteine in der Luft.
Zum Glück nahm er lediglich in seiner Gargoyle-Gestalt die Umgebung so gut wahr. Ansonsten würde er es in dieser Stadt nicht lange aushalten und schon gar nicht auf den gesellschaftlichen Veranstaltungen, die er als Adliger hin und wieder besuchen musste. Allein die zahlreichen Duftwässerchen und Körpergerüche würden ihn umbringen.
Er stand auf, breitete seine Schwingen aus und stieß sich mit den Füßen kraftvoll von der Kuppel ab. Beinahe lautlos segelte er auf das Dach des nächsten Gebäudes und von dort aus immer weiter in Richtung Mayfair, einen nobleren Stadtteil Londons, in dem überwiegend Vermögende lebten. So auch er, Jasper Laurence Brentwood, der dritte Marquess of Ashford – und das bereits seine vollen fünfunddreißig Jahre.
Nachts huschte er in seiner Stadtvilla ganz nach oben in ein Dachzimmer, das nur benutzt wurde, um alte Dinge abzustellen. Dort verwandelte er sich willentlich in einen Gargoyle und schlüpfte durch ein Fenster nach draußen.
Es kostete ihn keine Mühe, die Schwingen hervorbrechen zu lassen; er musste es sich nur vorstellen. Außerdem verformte sich seine Ohrmuschel, wurde länglicher und spitzer, sodass er besser hören konnte. Aus seinem Schädel schoben sich Hörnerstummel, die durch sein dunkelbraunes Haar lugten, und die Farbe seiner Augen wechselte von einem blassen Blau zu Granitgrau.
Wenn er wollte, vermochte er auch unter seinen Fingernägeln Krallen herausgleiten zu lassen. Die waren schärfer als sein Rasiermesser, und Jasper konnte mit ihnen wunderbar Dämonen ärgern. Und mit seinen Eckzähnen, die sich zu Fängen verlängerten, sah er furchteinflößend aus.
Allerdings konnte er die Verwandlung nur vollziehen, sobald der letzte Sonnenstrahl des Tages erloschen war, oder an einem Ort völliger Dunkelheit, während echte Gargoyles, die meist auf Kirchen oder Kathedralen hockten, erst nachts lebendig wurden. Tagsüber verharrten sie reglos auf den Gebäuden und sahen aus, als wären sie aus Stein. Doch das waren sie keinesfalls. Sie lebten. Wer ein solch gutes Gehör hatte wie Jasper, konnte in der steinernen Brust das Herz schlagen hören.
Jasper wurde tagsüber nicht zu einer steinähnlichen Substanz, schließlich war er kein richtiger Gargoyle. Auf ihm lag ein alter Familienfluch, der ihn zu diesem Leben mit all seinen Verpflichtungen verdammte.
Weil er als Marquess nicht schon genug Obliegenheiten hatte … Zum Beispiel musste er sich um seine Ländereien kümmern, wobei er die meisten Angelegenheiten seinem Verwalter überließ. Jasper reiste nur selten auf sein Landgut, da ihn zu viele Aufgaben in London festhielten. Schließlich war er nicht nur ein Dämonenjäger, sondern hatte auch einen Sitz im House of Lords. Hin und wieder musste er sich des