»Ist hier noch frei?« Ohne auf eine Antwort zu warten, ließ Jude Malone sich auf den leeren Stuhl neben mir fallen.
Ich nippte an meinem Gin Tonic und lächelte dann den Trauzeugen meines Bruders an. »Jetzt nicht mehr.«
Judes Grinsen sollte verboten werden. Ein Teil von mir war sicher, er wusste, was es mit mir anstellte – es die ganzen Jahre, in denen wir bereits befreundet waren, gewusst hatte –, und es ihm einfach nur gefiel, wie unruhig es mich machte. Doch die wahrscheinlichere Erklärung war, dass er es liebte, Aufmerksamkeit zu erregen, ganz egal, von wem er sie bekam.
Selbst wenn bloß ich ihn bewunderte.
Wie auch immer, vor Judes Lächeln sollte man gewarnt werden. Außerdem hatten seine blonden Haare genau die richtige Länge und er sah in seinem Smoking so zum Anbeißen aus, dass ich am liebsten so schnell wie möglich weggerannt wäre, ehe ich mich wider Willen blamierte.
Aber ich tat es nicht.
Obwohl es besser gewesen wäre.
Rund um uns herum tanzten und unterhielten sich fröhliche Menschen, während mein Bruder Alex und seine frisch angetraute Frau Evie bei ihrem Empfang von einem Gast zum anderen schlenderten. Anscheinend war ganz Wildrose Landing in das Hotel geströmt, also würde das glückliche Paar noch eine Weile beschäftigt sein. Nachdem ich einige betrunkene Avancen von Kerlen abgewehrt hatte, die zu viele Gerüchte über Brautjungfern gehört hatten, hatte ich an einem ruhigen Tisch ziemlich weit hinten Zuflucht gesucht – bis Jude mich entdeckt und sich neben mich gesetzt hatte.
»Du siehst heute Abend sehr schön aus. Rot ist definitiv deine Farbe.« Er warf einen Arm über die Rückenlehne seines Stuhls und nippte an seinem Whiskey, während ich ihn schockiert anstarrte. Da wir zwei schon so lange Freunde waren, hatte ich geglaubt, er hätte vergessen, dass ich eine Frau war.
Seit wann machte er mir Komplimente?
»Du siehst auch ziemlich gut aus.« Ich strich mein Kleid glatt und legte fragend den Kopf schief. »Aber sag mal, was haben Hochzeiten eigentlich an sich, dass alle sich so bereitwillig betrinken und Unsinn reden?«
»Ich rede keinen Unsinn«, sagte er und strahlte mich dabei an, und ich versuchte, nicht dahinzuschmelzen. »Ich habe nur das Gefühl, dass du wohl nicht genug Komplimente zu hören bekommst. Schließlich bist du sehr attraktiv, auch wenn du Alex’ kleine Schwester bist.«
Baggerte Jude mich gerade ernsthaft an? Das musste ich sofort beenden.
Ich lehnte mich zurück und schüttelte lachend den Kopf. »Es ist wahrscheinlich unnötig, aber ich sollte wohl besser für alle Fälle von vornherein etwas klarstellen. Auf Hochzeiten scheint es ja irgendwie Tradition zu sein, dass die Trauzeugen mit den Brautjungfern schlafen, aber zwischen uns wird nie was passieren, das wissen wir doch beide. Niemals. Also schlage ich vor, dass du dich anderweitig umsiehst, wenn es das ist, was du vorhast.«
Mein Körper war total anderer Meinung. Und mein Herz ebenso. Denn Jude war mein kleines Geheimnis. Der Mann meiner Träume. So stolz ich auch darauf war, eine starke Frau zu sein, wenn es um ihn ging, war ich schwach und jederzeit bereit, mich in seine Arme zu werfen, wenn er bloß mit dem Finger schnippte. Seit ich klein war, war ich unsterblich in ihn verliebt. Wo wir gerade von Peinlichkeiten reden. Welche Sorte Frau klammerte sich über ein Jahrzehnt an eine kindliche Schwärmerei? Jedenfalls bestimmt keine, die nach Unabhängigkeit strebte.
»Da komm ich nicht weit.« Jude grinste breit und wedelte mit den Händen. »Amelia und Jack sind praktisch verlobt und können die Augen nicht voneinander lassen. Evie hat gerade deinen Bruder geheiratet. Und der arme Austin ist so gern Single, dass er nicht mal eine Brautjungfer hatte, die er zum Traualtar führen konnte. Bleiben also nur noch wir beide übrig.«
»Wow. Ja. Jetzt fühl ich mich schon viel besser.« Ich verdrehte die Augen und boxte ihm gegen den Arm. »Danke, dass du meinem Selbstwertgefühl einen solchen Schub gegeben hast.«
»Hey.« Jude verschränkte die Hände hinter dem Kopf und präsentierte mir seine breite Brust. »Dafür bin ich doch da. Und du weißt auch, dass das mit dir und mir ein Scherz war, oder? Eigentlich wollte ich mit dir über etwas anderes reden. Wenn du mal Zeit hast.«
Ich kannte Jude bereits ewig. Irgendwie war es mir, als wir Kinder waren, gelungen, meinem Bruder und seinen Freunden lange genug hinterherzulaufen, um mir den ehrenvollen Titel »eine von uns« zu verdienen. Es hatte ein paar Monate in der Highschool gegeben, in denen ich dachte, aus Jude und mir würde mehr werden, aber ach, damit hatte ich gründlich falschgelegen und mich dabei obendrein auch noch lächerlich gemacht. Seitdem hatte ich versucht – und war meist daran gescheitert –, mich in seiner Gegenwart normal zu benehmen. Die einzige Möglichkeit, das hinzubekommen, war, so wenig Zeit wie möglich mit dem Mann zu verbringen, was ziemlich schwierig war, weil wir einen gemeinsamen Freundeskreis hatten, der sich sehr gern traf. Deshalb hatte ich darauf geachtet, bei diesen Zusammenkünften erst spät aufzutauchen und Gespräche mit ihm auf einer möglichst sachlichen Ebene zu halten.
Apropos so wenig Zeit wie möglich …
Ich leerte mein Cocktailglas, schwenkte das Eis darin herum und schob meinen Stuhl zurück. »Ich hol mir noch was zu trinken. Willst du auch was?«
»Ich gehe.« Jude kippte seinen Whiskey herunter, stand auf und griff nach meinem Glas. »Gin Tonic, ja? Mit einem Spritzer Limette.«
Und da war es. Das unwiderstehliche Lächeln, mit dem er jede rumkriegte – und es zielte direkt auf mich.
Nun war ich sicher, dass er mich anbaggerte. Oder hatten sich bei mir, verflucht noch mal, Phantasie und Hoffnung zusammengetan und drehten jetzt gemeinsam durch? Egal, der Selbstschutz verlangte, dass ich Jude in seine Schranken wies, ehe er mir das Herz brach.
Wieder einmal.
»Glaub bloß nicht, dass es dich weiterbringt, wenn du weißt, was ich gern trinke.« Streng wackelte ich mit dem Zeigefinger, aber mein Lächeln verriet mich. »Was dir auch für heute Abend vorschwebt, es wird nicht funktionieren. Jedenfalls nicht bei mir. Vergiss nicht, dass ich gegen deinen Charme immun bin.«
Was natürlich gelogen war.
»Izzy«, sagte er und neigte den Kopf zur Seite, »das klingt nach einer Herausforderung. Und du weißt, dass ich denen nie aus dem Weg gehe.«
»Nein, das war keine Herausforderung, Jude.« Ich verdrehte die Augen. »Nur die Wahrheit.«
Er lachte in sich hinein, hob die Brauen und ging zur Bar.
Drei weitere Drinks und sehr viele Erinnerungen später ließ ich es ohne Gegenwehr zu, dass er mich vom Stuhl hoch und Richtung Tanzfläche zerrte.
»Ich tanze nicht«, murmelte ich, als er mich an sich zog.
»Das ist eine Schande.« Er schlang die Arme um meine Taille, und wir wiegten uns im Takt der romantischen Musik. »Eine wie du sollte immer tanzen.«
Kraftlos schaute ich in seine Augen, und er hielt meinem Blick stand.
Verdammt nochmal. Hatte er es irgendwie geschafft, noch anziehender zu werden? Wie war denn das möglich?
»Eine wie ich?«
Er nickte, wirbelte mich herum und zog mich wieder in seine Arme. »Du bist etwas Besonderes. Auch etwas, das du wohl nicht oft genug zu hören bekommst.«
Schnell legte ich meinen Kopf an seine Brust, um den Blickkontakt zu unterbrechen, denn ich konnte mich nicht daran erinnern, wann er mich jemals so angesehen hatte. Seine Hände glitten an meinem Rücken empor, und ich atmete den Duft seines Rasierwassers ein. Das war auch nicht besser. Mein Körper glühte vor Freude, in seinen Armen zu liegen, und verlangte, dass ich diesen Abend zu seinem natürlichen – wahrscheinlichhüllenlosen – Ende brachte. Als ich wieder aufschaute, schenkte Jude mir ein sehr intimes Lächeln, das nur für mich gedacht war.
»Wenn ich gewusst hätte, wie sich das anfühlt, hätte ich bereits viel früher mit dir getanzt.« Seine warme Flüsterstimme berauschte mich …
Ich kicherte, als wäre ich wieder sechzehn. »Funktioniert so was wirklich bei Frauen?«
»Ich weiß...