Dienstag, 16. Mai – Leuchtturm
Für den frühen Abend hat Ole sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Den Leuchtturm von Dueodde. Da wir ja eigentlich ein Ferienhaus direkt am Strand von Dueodde gebucht hatten, wäre der Leuchtturm von Dueodde für uns fußläufig zu erreichen gewesen. Jetzt wohnen wir deutlich weiter weg, so dass Ole mich erst zu einem weiteren süßen Krölle-Bölle Softeis einlädt und erst dann verrät er mir, dass er mit mir den Leuchtturm nicht nur ansehen, sondern auch gerne besichtigen möchte.
Ich verschlucke mich bei seiner Offenbarung und keuche eine Weile, bevor ein Stückchen Waffel doch noch den richtigen Weg die Speiseröhre findet. Ich sollte wirklich langsamer essen und besser kauen, bevor ich schlucke.
„Kann man den Leuchtturm denn einfach so besichtigen?“
Ole grinst. „Nein, man muss sich eigentlich vorher anmelden. Aber heute Abend ist er bis 21:00 Uhr für Besucher geöffnet.“
Ich sehe auf mein Handy und die Uhrzeit. 18:15, also noch fast drei Stunden geöffnet und keine Chance zur Flucht in Sicht. Ich schlucke hörbar, dann murmele ich: „Wie schön!“
„Ja, das wird es.“ freut sich Ole. „Vertrau mir. Die Aussicht von da oben soll wirklich fantastisch sein.“
„Aha…“ sage ich leise und weiß nicht welche Aussicht mir jetzt schon weniger gefällt: Die endlosen Treppenstufen in Kombination mit meiner COPD Erkrankung oder meine starke Höhenangst, falls ich überhaupt jemals lebend oben ankommen sollte.
Ole schielt mich über seinen Brillenrand an. „Emma…“
Ich gucke zurück. „Hm?“
„Vertrau mir, das wird super!“
„Das sagtest Du schon.“ Ich schlucke. „Du weißt aber schon, dass ich mir ein paar Gedanken bezüglich der wahrscheinlich unüberschaubaren Menge an Stufen mache, die es zu überwinden gilt.“
Ole setzt einen Moment bei Verzehr seines Softeis aus und sieht mich an. „Wir lassen uns so viel Zeit, wie Du möchtest.“
„Aha…“ Ich esse den letzten Rest meiner Eiswaffel. „Das bedeutet wohl, dass ich keine Chance habe mich dieser Herausforderung zu entziehen. Richtig?“
„Richtig!“ Mein Mann nickt. „Du denkst, Du schaffst das nicht.“
„Richtig! Und selbst wenn ich jemals oben ankomme, was möchtest Du dann sehen? Wie ich mich von da oben über das Geländer in die Tiefe übergebe, weil meine Höhenangst mir den Magen umdreht? Und statt mich dann in Luft auflösen zu können, muss ich auch noch die ganzen Stufen wieder runterkommen. Ik freu mir!“
Ole kichert. „Du bist echt süß. Wir sind noch nicht mal da und Du bist schon auf der Suche nach Ausreden, um da nicht hoch zu müssen.“ Damit steckt er sich das letzte Stücken Waffel in den bärtigen Mund.
Ich streiche mit den Händen über die Tischplatte vor mir. „Das kommt Dir nur so vor.“
Ole ergreift meine Hände und sieht mich an. „Du wirst es mögen, vertrau mir.“
Ich rolle mich den Augen und stoße die Luft geräuschvoll aus meinen Lungen. „Da kann ich ja quasi nicht mehr nein sagen.“
Er lächelt und erhebt sich. „Lass uns gehen.“
Wirklich nur wenige Minuten später erreichen wir den Fuß des Leuchtturmes. Bisher läuft alles gut, den Wagen haben wir bei der Eisbude stehen gelassen. Jetzt stehe ich vor dem sehr schlanken, hoch in die Luft ragenden Gebäude und starre auf ein kleines Schild neben der Tür. Bis zu der oben kreisförmig verlaufenden Plattform müssen Besucher fast zweihundert Stufen Höhenunterschied überwinden.
Ich schnappe schon beim Lesen innerlich nach Luft und spüre wie mir schlecht wird. Das hier ist der höchste Leuchtturm von ganz Bornholm und er hat fast zweihundert Stufen! Mir wird schlecht.
Wie zum Geier soll ich denn da hochkommen? Wie stellt Ole sich das nur vor? Ich kann mir das nicht erklären.
Ole umarmt mich von hinten. „Na, schon Angst?“
„Starr vor Schreck trifft es wohl eher.“ Ich sehe ihn an. „Wie kommst Du nur auf die Idee, dass ich da hochkomme?“
„Oh das ist einfach!“ sagt Ole und zieht mich ein paar Schritte weiter um das Gebäude herum. Dann deutet er auf eine weitere Tür. „Wir nehmen den Aufzug.“
Ich bin einen Moment sprachlos, starre meinen Mann nur an. Dann schlucke ich und muss lachen. „Es gibt hier wirklich einen Aufzug?“
Er nickt lächelnd. „Ja! Der ist für ältere Menschen, Gehbehinderte und besonders für lungenkranke Weibchen, die alle trotzdem ganz unbedingt da oben rauf wollen, um die Aussicht zu genießen.“
Ich schäme mich, weil ich wirklich dachte, dass Ole mich erst da hochschleifen und mich dann wahrscheinlich versagen sehen wollte. Natürlich hatte er einen ‚Plan B‘.
„Es tut mir leid!“ sage ich und versuche meinen wirkungsvollsten Dackelblick aufzusetzen.
Aber mein Mann lacht nur und drückt den Knopf neben der Tür, um den Aufzug zu öffnen. Nicht mal zwei Minuten später öffnen sich die schweren Türen und direkt vor uns sehen wir das endlose Meer. Aufzug fahre ich ganz gerne und auch Angstfrei, zumindest bis zu einer gewissen Höhe. Dieser Aufzug fährt etwa 40 Meter hoch, wobei der Turm knapp 47 Meter hoch ist. Das ist ganz schön hoch für mich.
Ole fast meine rechte Hand und wir treten gemeinsam einen großen Schritt auf die Plattform. Ich kann mich nicht erinnern jemals so hoch über der Erde über ein Geländer geschaut zu haben. Ich kenne einen etwa halb so hohen Aussichtsturm, der ist schon sehr grenzwertig und kaum erträglich für mich. Das hier ist Hardcore!
Die Balustrade und die Umzäunung sehen zwar stabil aus, aber mir wird trotzdem dezent übel. Meine Knie werden heiß und ich befürchte, dass sich gleich der Horizont verdrehen wird. Gar nicht gut!
„Ganz ruhig ein- und ausatmen Emma!“ sagt Ole streng und beobachtet mich dabei genau. Er stellt sich direkt vor mich, damit ich nicht so genau auf die Umgebung achte, sondern nur auf sein Gesicht. „Atme Emma!“
Ich verstehe was er sagt und atme langsam gehorsam ein und aus.
Ole streicht mir mit den Händen über meine Oberarme. „Besser?“
Ich atme noch einmal mit geschlossenen Augen durch, dann sehe ich meinen Mann an. Meine Knie sind stabil, ich bin ruhig und mein Magen entspannt sich auch. Ich nehme die sehr frische etwas salzige Luft wahr und spüre die letzten Sonnenstrahlen auf der Haut in meinem Gesicht.
„Ja! Viel besser.“
„Schön.“ Ole lächelt. „Möchtest Du direkt wieder runter oder Dich doch ein wenig umsehen?“
Ich denke nach, nehme meine Umwelt wieder richtig wahr und spüre sogar eine gewisse Neugier in mir. Also schiebe ich Ole zu Seite und mache einen Schritt nach vorne, während ich einen langen Hals mache und vorsichtig über das Geländer in die Tiefe gucke. Oho… Das ist verdammt hoch!
Ich atme bewusst ein und ganz langsam wieder aus. Ich schaffe das!
Ich gehe weiter an das Geländer und umfasse das Metall mit beiden Händen. Das wirkt stabil und gar nicht wackelig. Sehr gut!
Auf diesem Turm waren in den letzten Jahren wohl hunderte von Menschen. Wieso sollte er also ausgerechnet heute zusammenbrechen?
Ich sehe nochmal ganz bewusst nach unten und blicke von oben auf eine ganze Reihe Baumkronen. Grauenhaft!
Aber wenn ich nach vorne sehe, dann erkenne ich den fast weißen, breiten Strand von Dueodde und das tief blaue Meer.
„Das ist wunderschön!“ sage ich leise. Ole stellt sich hinter mich und legt seine Hände links und rechts von mir an das Geländer und jetzt bin ich gefangen. Das ist gar nicht gut… Panik setzt ein und ich schiebe ihn energisch weg.
„Geht gar nicht!“ keuche ich und flüchte die zwei Schritte zurück zum Mauerwerk. An die äußere Kannte gedrängt zu werden, war gar nicht angenehm.
„Sorry!“ sagt Ole und hebt entschuldigend seine Hände.
Ich presse mich mit dem Rücken an den Turm und versuche mich zu entspannen. „Selber sorry! Das war mir irgendwie zu viel.“
Ole lächelt vorsichtig. „Du bist nicht wirklich entspannt.“
Ich sehe ihn an. „Hey, ich schreie nicht, das ist doch schon viel.“
Ole lacht. „Stimmt und Deinen Humor hast Du auch noch, dann ist es wirklich noch nicht so schlimm.“
Ich nicke und sehe mich vorsichtig wieder um. „Gibt es hier oben noch mehr zu sehen, als die schöne Aussicht?“
Ole nickt. „Ja, es muss hier oben noch einen Raum geben, in dem früher der Leuchtturmwärter seinen Dienst verrichtet hat.“
Ich ergreife Oles ausgestreckt Hand und wir finden zusammen erst die Tür, die in das Treppenhaus führt und dann auch den Beobachtungsraum.
Wir...