Die Fahrt in die Berge
Ich muss hier raus, dachte ich. Am Dienstag hatte ich die Nase gestrichen voll. Meine sogenannten Chefs setzten mir Zielvorgaben für die Umsätze, und ich musste mich mit faulen und unfähigen Angestellten herumärgern. Als jüngster CEO der Firma nahmen mich die älteren Abteilungsleiter nicht ernst. Sie nervten mich damit, meine Anordnungen zu hinterfragen. Dabei gehörten die längst ins Altenheim. Und waren zweifellos neidisch. Wer hatte schon seinen eigenen Parkplatz direkt vor dem Büro? Wer konnte seinen Porsche Cayenne darauf parken? Ich, und nicht sie.
Ich war32 und erfolgreich. Die Karriereleiter war ich schnell und problemlos hinaufgestiegen. Vielleicht wäre ich bald das jüngste Vorstandsmitglied – und stand jetzt kurz davor zu explodieren. Gleich am Morgen hatte ich Jenny, meine Sekretärin, angebrüllt. Statt ihren Job zu machen, fing sie an zu weinen, woraufhin ich erst recht wütend wurde. Obwohl ich ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte – verdient hätte sie es –, stürmte ich aus dem Büro ins nächste Starbucks.
Ich hatte meinen zweiten Cappuccino gerade ausgetrunken, als sich plötzlich eine bleierne Schwere auf meinen Brustkorb legte. Was war das? Hatte ich vielleicht einen kleinen Herzinfarkt? So was sollte es ja angeblich bei jungen, erfolgreichen Managern öfter mal geben. Das hätte mir noch gefehlt. Ich fühlte meinen Puls.92. War das genug für einen Herzinfarkt? Ich sah in meinem iPhone schnell bei Wikipedia nach. Starke Schmerzen? Fehlanzeige. Ängstlich? Nein. Schweißausbrüche? Auch nicht gerade. Gut, wenigstens das blieb mir erspart. Vorerst. Ich hatte wieder das Gefühl, ein Luftballon zu sein, in den jemand unbedingt noch einen weiteren Liter Luft blasen will. Wenn alles so weiterging wie bisher, würde mich der Stress irgendwann doch noch einmal unter die Erde bringen. »Karoshi« nennen die Japaner das. Tod durch Überarbeiten.
Verflixt, diese Gedanken brachten mich auch nicht weiter. Ich konnte ja nicht einfach meinen Job hinschmeißen und mich auf einer Jacht in der Karibik sonnen. So gut war mein Gehalt dann auch wieder nicht. Noch nicht!
Okay – ich war gestresst. Aber ändern konnte ich das sowieso nicht. Vielleicht brauchte ich ja nur eine kurze Atempause. Wie spät?10 Uhr. Ich rief Jenny an und cancelte alle Termine für heute. Ich hätte auswärts zu tun. Das stimmte sogar; auch wenn ich eigentlich erst übermorgen in London sein musste.
Spontan beschloss ich, in die Berge zu fahren. Von München aus war das nur eine Stunde, wenn die Autobahn frei war. Einfach mal ein bisschen frische Luft tanken. Vielleicht in einem netten Café an einem Waldsee einen Cappuccino schlürfen …
Ich stieg in meinen Porsche, wählte Glenn Goulds »Goldberg-Variationen« als Inspirationsmusik und brauste los. Fünfzehn Minuten später war ich schon auf der Autobahn München-Salzburg. Über mir der klare, blaue Sommerhimmel, in der Ferne das Alpenpanorama. Genau der richtige Tag für eine kleine Pause. Dachte ich.
Ich wusste nicht genau, wohin ich eigentlich wollte. Klar, irgendwo i