VORWORT
„Die Scham muss die Seite wechseln“ Gisèle Pélicot.
Dieses Zitat verdeutlicht, wie verkehrt unsere Gesellschaft, unsere Politik, unser Rechtssystem und unsere Strukturen auch im Jahr 2024 sind. Der Fall der 71-jährigen Gisèle Pélicot ist international bekannt. Ihr eigener Ehemann hatte sie über zehn Jahre immer wieder betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten. Der Prozess findet auf ausdrücklichen Wunsch der mutigen Frau öffentlich statt. Das ist keineswegs üblich. Zum Schutz von Opfern wird die Öffentlichkeit in solchen Prozessen meist ausgeschlossen.
Gisèle Pélicot hat meine rückhaltlose Hochachtung. Sie ist trotz ihrer Traumatisierung und ihres Leidens laut, klar und deutlich. Sie weist Unverschämtheiten und Unterstellungen dieser Kreaturen und ihrer Verteidiger sofort scharf zurück und weigert sich, über die jahrelangen Misshandlungen im stillen Kämmerlein zu verhandeln. Diese Frau will gehört und gesehen werden. Sie will, dass die Welt gezwungen wird, sich diese Ungeheuerlichkeiten anzusehen. Und verweist mit scharfen Worten die Scham dorthin zurück, wo sie ausschließlich hingehört – auf die Seite der Täter. Gisèle Pélicot ist eine stolze Amazone aus einer Generation, in der Frauen noch zum Schweigen und Sichfügen erzogen wurden. Welch ein gesunder Zorn angesichts dieser unvorstellbaren Grausamkeiten. Chapeau, Gisèle Pélicot.
Die Täter-Opfer-Umkehr ist eines der größten Probleme bei der Bekämpfung häuslicher Gewalt, weil sie die Betroffenen davon abhält, Hilfe zu suchen. Die Täter-Opfer-Umkehrung durch staatliche Institutionen und Gesellschaft führt zu einer Verzerrung der Gewalt. Daher ist es oft falsch zu glauben, dass Verwaltung und Justiz objektivarbeiten. In Bereichen mit Gewaltbetroffenheit arbeiten auch nur Menschen, die persönliche Einstellungen zum Thema Gewalt an Frauen haben. Die Argumente der Täter-Opfer-Umkehr sind so ausgelegt, dass es für betroffene Frauen besonders schwierig ist, ihre traumatischen Erlebnisse dagegenzustellen. Oft denken sie am Ende, dass sie etwas falsch gemacht haben und selbst für die Gewalt verantwortlich sind.
Die betroffenen Frauen können möglicherweise doppelten Schmerz empfinden: den Schmerz, der durch die Taten verursacht wurde, aber insbesondere auch den Schmerz durch fortgesetzte Gewalt staatlicher Institutionen in Form von Täter-Opfer-Umkehr. Es geht nicht allein darum, dass eine gewaltbetroffene Frau Zuflucht in einem Frauenhaus findet, sondern es geht um das Recht auf Teilnahme am Leben. Es geht um nichts Geringeres als das Recht auf Freiheit und Sicherheit.
Ich klage an
Ich will mit meiner Autobiografie dazu beitragen, die Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen, denn sie stellt schon lange kein privates Problem mehr dar. Ich erzähle meine Geschichte, die seit meiner Kindheit in einer Spirale aus Gewalt gefangen war. Im ersten Teil berichte ich, wie die verrohte Nachkriegsgesellschaft Gewalt an ihre Nachkommen weitergab. Von Misshandlung und Missbrauch an Kindern, in seiner schlimmsten Form. Und von trügerischer Sicherheit in einem staatlichen Kinderheim, in dem Erzieher ihren Zöglingen das Fürchten lehrten. Ich schreibe von häuslicher Gewalt im Elternhaus und in der eigenen Ehe. Von der Macht der Ärzte und der Willkür der damaligen Polizei, die von der Bezeichnung „Dein Freund und Helfer“ noch weit entfernt war.
Zur Sprache kommt auch die erlittene Gewalt in der Geburtshilfe, die immer noch ein Tabu ist. Nach meiner Meinung liegen die Hauptgründe in Scham und mangelndem Wissen. Aber heute schweige ich nicht mehr, ich bin wütend und klage an. Auch aus diesem Grund habe ich mich entschieden, meine Erfahrungen öffentlich zu machen. Frauen müssen ermutigt werden, sich gegen jede Form von Gewalt zu verteidigen. Wenn junge Mütter mir erzählen, dass sie auch im Jahre 2023 gewaltvolle Erfahrungen bei der Entbindung gemacht haben, könnte ich schreien.
Ich habe meine Geschichte nicht veröffentlicht, weil ich sie gerne weitergeben wollte. Es wäre mir viel lieber gewesen, mich stattdessen mit meiner Kunst zu beschäftigen. Doch ich musste über die Themen schreiben, die mich schon so viele Jahre bedrückten. Dies ist meine Art, die Geschehnisse zu verarbeiten und auf die häusliche Gewalt im Elternhaus und in meiner ersten Ehe zu reagieren.
In der Geschichte meiner Kindheit erzähle ich auch über