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Carly
»Du weißt also nicht genau, worauf du dich da einlässt?«, fragte meine Freundin Christina.
In einiger Entfernung schritt ein Reh durch den Wald.Du bist nicht mehr in L. A., Carly. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass es hier Bären geben könnte. New Hampshire warländlich. Mich fröstelte.
»Ich bin Scottie nur ein paarmal begegnet.« Ich nahm das Telefon ans andere Ohr. »Er war wirklich lieb. Aber klar, mich um ihn zu kümmern, ist eine Herausforderung. Ich weiß also nicht genau, worauf ich mich einlasse. Noch nie habe ich mich um jemanden kümmern müssen, erst recht nicht um einen erwachsenen Mann.«
Mein Verlobter Brad hätte sich um seinen Bruder gekümmert, wenn er gekonnt hätte. Aber weil er nicht mehr da war, empfand ich das als meine Verantwortung. Scottie war dreiundzwanzig und hatte ausgeprägten Autismus. Er sprach nicht und verhielt sich in vieler Hinsicht wie ein kleines Kind. Brads Vater Wayne hatte allein für Scottie gesorgt, war aber vor einem Monat an einem Herzinfarkt gestorben. Und mein geliebter Brad war vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In den letzten Wochen hatte sich Waynes Schwester Lorraine um Scottie gekümmert, aber sie hatte klar gesagt, das könne kein Dauerzustand werden.
Christina seufzte. »Bist du dir sicher? Das ist eine gewaltige Verantwortung.«
»Brad hätte es so gewollt. Auf keinen Fall hätte er zugestimmt, dass seine seltsame Tante Lorraine sich um Scottie kümmert. Sein Vater war Scotties Vormund gewesen. Da Lorraine die nächste Angehörige ist, haben alle vermutet, sie würde die Verantwortung übernehmen. Aber sie ist dafür nicht geeignet und will es auch nicht. Wayne hatte sich wahrscheinlich noch kaum Gedanken gemacht, er war ja nicht mal sechzig. Es gab also keinen Plan B. Als ich angerufen habe, um mich nach der Lage zu erkundigen, hat sie mich sofort gefragt, ob ich kommen und ihr helfen könne. Von heute an will sie wieder bei sich schlafen, also bin ich allein mit Scottie.« Ich sah zum Haus. »Wie dem auch sei – ich muss reingehen. Ich parke jetzt schon zwei Minuten vor der Tür.«
»Gut, wenn du was brauchst, sag Bescheid. Ich kann Sachen für dich bestellen und dir liefern lassen.«
»Danke, Christina, das weiß ich zu schätzen. Aber ich bin hier nicht auf dem Mars, sondern nur in New Hampshire.« Ich lachte. »Und es ist nur vorübergehend. Bis ich Scottie in einem Heim untergebracht habe.« Mit Blick auf den nahen Wald setzte ich leise hinzu: »Ich melde mich bald wieder.«
»Viel Glück, Carly.«