: Renate Schmitt
: Wer leben will, muss fühlen Ein Weg aus Burnout und Panik zurück in ein erfülltes Leben
: Edition Forsbach
: 9783959042598
: 1
: CHF 15.00
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 228
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wie geht es dir? - Alles gut! Manchmal liegt dahinter jedoch eine andere Wahrheit: eine psychische Erkrankung mit Depressionen oder Angststörungen. Renate Schmitt hat es selbst erlebt und dabei ihre Lebensfreude eingebüßt, so dass ihr irgendwann im wahrsten Sinne des Wortes die Luft zum Atmen weggeblieben war. Sie beschreibt ihren Weg aus Erschöpfung, Ängsten und Panikattacken und berichtet, wie ihr der Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik und die anschließende ambulante Psychotherapie geholfen haben. Dabei entdeckte sie verborgene Ressourcen wieder und erkannte, dass der Schlüssel für ihre psychische Gesundheit schon immer in ihr selbst lag. Die wichtigste Erkenntnis aber war, dass sie ihre Körpergefühle zulassen und ihnen endlich vertrauen darf. Mit diesem Buch lädt sie ihre Leser dazu ein, den Umgang mit den eigenen Gefühlen, auch mit den unangenehmen, zu beleuchten und auftretende Emotionen als 'Kompass im Alltag' zu nutzen. Heute unterstützt Renate Schmitt Betroffene dabei, aus einer psychischen Krise zurück in ein erfülltes Leben zu gelangen.

Renate Schmitt wurde 1972 als jüngstes von vier Geschwistern in Schwäbisch Gmünd geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Sie malt und schreibt, seit sie denken kann ... In ihrer Jugendzeit verfasste sie mehrere Gedichte und schrieb regelmäßig Tagebuch. Nach dem Studium der Sonderpädagogik, mit dem Hauptfach Kunsterziehung, folgte eine über 20-jährige Unterrichts- und Beratungstätigkeit als Sonderpädagogin für Kinder und Jugendliche. Unterbrochen wurde diese Phase durch eine 5-jährige Elternzeit, mit den Geburten ihrer beiden Söhne. In den Jahren 2018/2019 bedurfte es der Erfahrung und Bewältigung ihrer eigenen Lebenskrise, die sie letztlich auf ihren heutigen Weg führte. Neben ihrer Tätigkeit als Sonderpädagogin begann sie 2021, ihre nebenberufliche Selbstständigkeit als Coach und Kunsttherapeutin aufzubauen. 2023 legte sie die Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie ab. So ist sie heute neben ihrer Arbeit in einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum als Heilpraktikerin für Psychotherapie und Kunsttherapeutin in eigener Praxis tätig.

WIE ALLES BEGANN

Kindheitsjahre – zwischen Idylle und Rolle

„Ich bin der Kommissar und du die Leiche.“

Das spontan verfasste Drehbuch meines Bruders gab die Rollen vor: Köchin, Dienstmädchen, Ermittlungsassistent und natürlich ein Mörder. Die Zuteilung folgte einer scheinbar natürlichen Hierarchie, gemäß Geschwister-Reihenfolge, Alter und Geschlecht. Keiner kam auf die Idee, dies in Frage zu stellen. Nach einer kurzen Probe bezog ich mein Versteck im Schrank und hielt die Luft an.

Nur wenige Minuten später wurden die Erwachsenen aus dem Stock darüber in den Hobbyraum gerufen. In meinem Bauch kribbelte es wie Ahoi-Brause, mein Herz klopfte bis zum Hals. Mit gespitzten Ohren lauschte ich aus dem Dunkeln heraus den Stimmen meiner Geschwister und Cousins. Alles schien soweit nach Plan zu verlaufen. Und jetzt: der entscheidende Satz – hoffentlich hatte ich richtig gehört. Mit einem Klacken wurde der Schlüssel von außen umgedreht.

Endlich: mein großer Auftritt! Ein Lichtstrahl erschien im Türspalt. Ich stemmte meinen Körper gegen die Holztür. Der Schwerkraft folgend purzelte ich mit theatralischer Mimik auf den Boden, direkt vor die Füße des Publikums – bestehend aus meinen Großeltern, meiner Tante, meinem Onkel und meiner Mutter.

Den entsetzten „Ach Gott“-Ausrufen nach zu folgen, spielte ich meine Rolle äußerst überzeugend. In den Minuten, in denen ich als lebende Leiche auf dem kühlen Linoleumboden lag, gelang es mir fast bis zum Schluss der Szene, ein Grinsen zu unterdrücken. Doch vielleicht wollte ich damit nur die irritierten Zuschauer beruhigen.

Ende des Schauspiels, Applaus und Lobeshymnen auf die Leistung von Seiten der Erwachsenen; Erleichterung, Stolz und Erschöpfung auf der Seite der Darsteller.

Opa belohnte alle mit seinem selbstgebackenen Quark-Streusel-Kuchen und Lindes-Getreide-Kaffee. Nach Einbruch der Dunkelheit war es wieder Zeit zu gehen. Zu fünft zwängten wir uns in den VW-Käfer meiner Mutter und fuhren zurück, auf die andere Seite unserer Kleinstadt. Ja, das war wieder ein schöner Sonntag!

Tatsächlich kommen mir beim Nachdenken über meine Kindheit schnell jene Bilder der Sonntagnachmittage im Haus meiner Großeltern in den Sinn. Ein Gefühl der Geborgenheit und Ausgelassenheit in einem liebevollen Miteinander breitet sich dabei auch nach mehr als vierzig Jahren in mir aus.

Als Jüngste von vier Geschwistern war ich stets die Kleine, das „Nesthäkchen“. Zwischen meiner Geburt und der meines Bruders lagen mehr als neun Jahre; meine beiden Schwestern folgten innerhalb von nur vier weiteren Jahren. Und dann kam ich, die Nachzüglerin. Erst viel später teilte mir meine Mutter mit, dass ich sehr gewollt gewesen sei; das Kind einer kurzzeitig wiederauflodernden Liebe zweier Menschen, die sie durch Überlastungen im Alltag nicht mehr spüren konnten. Vielleicht war das ein unbewusster Versuch, sich noch einmal zusammenzufinden … was sich zwei Jahre später als Irrtum herausstellte …

Meine Geschwister und ich wuchsen bei meiner Mutter auf. In den Jahren nach der Trennung wurde ich nie müde zu betonen, wie gut meine Eltern „es“ hinbekommen hätten und dass sie noch immer „Freunde“ seien. Mein Standardsatz lautete: „Meine Eltern sind geschieden, aber sie verstehen sich noch gut.“ Und dass ich eine gute Kindheit hatte, obwohl die Ehe meiner Eltern geschieden wurde, stimmte auch.

Erst viele Jahrzehnte später wurde mir bewusst, dass das Bestätigen nach außen möglicherweise ein kindlicher Versuch war, mit den Tatsachen umzugehen. Vielleicht diente das dazu, meine Irritation oder den Kummer über die „unperfekte Familie“ zu übertünchen – und den Schein zu wahren.

Ein riesiger Anteil von Scham musste in mir gelauert haben. Es war mir unangenehm, in meiner Schulklasse und vor den scheinbar intakten Familien meiner Freundinnen aus dem Rahmen zu fallen, ein Scheidungskind zu sein, den Vater nicht täglich im Haus zu haben.

Scham und Schuld, das sind Themen, die mich in meinem späten Erwachsenenleben mit immenser Wucht eingeholt haben und noch heute – selbst nach zahlreichen Therapieerkenntnissen – immer wieder aufflackern.

Mittlerweile weiß ich, dass ich diesen Umstand mit unzähligen erwachsenen Scheidungskindern teile. Kinder fühlen sich oft schuldig oder verantwortlich dafür, wenn ihre Eltern sich trennen. Fatalerweise kommt ihnen dabei ihr magisches Denken in die Quere, das daran glaubt, vielleicht „nicht lieb genug“ gewesen zu sein, oder dass sie noch mehr hätten tun müssen, damit Mama und Papa zusammenbleiben. Denn wie oft geht es doch in