1. KAPITEL
Mayor Chase Fergusons bester Freund und gleichzeitig Chef seines Sicherheitsteams betrat mit einem Blatt Papier in der Hand sein Büro.
„Beschäftigt?“, fragte Emmett.
„Extrem“, witzelte Chase. Er starrte seit zwanzig Minuten auf dieselbe Stelle an der Wand und überlegte, wie er auf die E-Mail des Gouverneurs antworten sollte.
„Es dauert nicht lange.“
Emmett lächelte nicht, aber Chase sah, dass sein Freund amüsiert war. Emmett kannte ihn besser als irgendjemand – wahrscheinlich sogar besser, als seine eigene Familie ihn kannte.
Emmett ließ das Blatt auf den Schreibtisch fallen und Chase nahm das ausgedruckte Farbfoto auf. Eine zierliche, wütend schreiende Frau war darauf abgebildet, in der Hand hielt sie ein Plakat. Es zeigte einen Vogel mit ölverschmiertem Gefieder, dazu die Worte: ÖL TÖTET. Eine zornige Menge im Hintergrund hielt ähnliche Plakate, doch es war die Frau, die seine Aufmerksamkeit fesselte.
Weiche dunkle Locken wehten über die feinen Wangenknochen und die vollen Lippen. Selbst jetzt, Jahre später, erinnerte er sich noch daran, wie es sich angefühlt hatte, wenn sie ihren geschmeidigen, schlanken Körper an seinen presste. Mimi Andrix war dünn wie ein Modell, hatte kleine Brüste und dezente Rundungen.
„Aus welchem Jahr stammt das Foto?“, fragte Chase.
„Es ist vor drei Jahren in Houston aufgenommen worden.“
„Wie bist du darauf gestoßen?“
„Einer deiner Wahlkampfleute hat es mir gebracht. Es kam zusammen mit der schriftlichen Drohung ins Büro, es an Jamie Holland zu schicken.“
Sein Gegner Jamie Holland war ein unsympathischer Kerl, der fragwürdige Beziehungen zu kriminellen Kreisen in Texas hatte und in unzählige illegale Aktivitäten involviert war.
„Wir versuchen herauszufinden, woher es kommt, hatten aber bisher kein Glück“, sagte Emmett in ruhigem, sachlichem Ton.
Chase seufzte. Wahlkampfzeit. Er befand sich in seiner zweiten Amtszeit und würde gern weitermachen. Er war nicht nur einer der jüngsten Bürgermeister von Dallas, sondern auch einer der wenigen Politiker, die unbestechlich waren. Als Sohn der Fergusons und einer von drei Inhabern von Ferguson Oil hatte er genug Geld. Es ging ihm nicht um Macht oder Prestige. Es ging ihm um Gerechtigkeit. Im Amt zu bleiben bedeutete, potenziell korrupte Politiker zu verdrängen. Jamie Holland, zum Beispiel.
„Ich habe sie sofort erkannt.“ Emmett tippte auf das Foto.
Sein Freund hatte an der dreimonatigen Reise teilgenommen, auf der er, Chase, Mimi kennenlernte. Emmett gehörte zu den wenigen, die wussten, was zwischen ihm und Mimi in jenem Sommer passiert war.
„Sie sollte wissen, dass sie zur Zielscheibe der Medien werden könnte.“ Mimi hasste die Politik. Es würde ihr nicht gefallen, während seines bevorstehenden Wahlkampfs in den Dreck gezogen zu werden, falls ihre frühere Beziehung ans Licht kam.
„Ich habe sie aufgespürt. Sie lebt in Bigfork. Du hast eine Reise nach Montana geplant, oder? Warum sagst du es ihr nicht persönlich?“ Sein Freund grinste vielsagend.
„Irgendwie bezweifle ich, dass sie mich mit offenen Armen willkommen heißen wird.“ Chase hatte Mimi das letzte Mal gesehen, als er sie in ein Flugzeug von Dallas nach Bigfork setzte. Ihr Gesicht war rot vor Wut und Enttäuschung gewesen – und für beides war er verantwortlich