Kapitel 1
Den ganzen verregneten Nachmittag lang lässt mir der Gedanke an den gefundenen Schnipsel aus Papier keine Ruhe: Da gibt es im Jahr 1974 immer noch Menschen, die mit Füller und Tinte schreiben!
Mein Blick haftet auf dem Rest eines Briefbogens. Zwischen den verlaufenen blauen Flecken lese ich die Worte „… alles verraten, was ich weiß …“ und neben einem riesigen blauen Tintenklecks, der wie ein Glücksschwein aussieht, zeigen sich die Worte „… mir nicht entkommen …“. Ganz rechts in einer Zeile, mehr verschwommen als deutlich, springen mir die Worte „letzte Warnung“ ins Auge.
Ich habe ein Faible für Handschriften und entdecke, dass die großen Buchstaben nicht nur extreme Höhen und Längen aufweisen, sondern mit Schwung und vermutlich voller Emotionen geschrieben wurden.
Dieser Papierfetzen wirft eine ganze Menge Fragen auf. Wer schrieb diese Sätze und warum? Und weshalb wurde das Blatt zerrissen und achtlos weggeworfen?
Mitten in meine Gedanken hinein erinnert mich die Türglocke, dass mir meine Freundin ihren Besuch angekündigt hat.
Ich eile zur Eingangstür und werde von Maja und einer Flasche Rotwein gedrückt.
„Du hättest es besser haben können“, schimpft sie. „Du wolltest ja meine Einladung ins Restaurant nicht annehmen, sondern unbedingt selbst kochen.“
Ich führe sie in die Küche. „Das hat der Herd jetzt schon für mich erledigt. Der Nudelauflauf ist schon fertig und kann gegessen werden, wann immer du Appetit hast.“
„Ich habe einen riesigen Hunger“, gesteht sie mir und greift zum Flaschenöffner. „Willst du Glühwein aus diesem Getränk fabrizieren?“
Ich betrachte das Etikett. „Nein, dazu ist dieser Bardolo zu schade. Du kannst dich gleich hier aufwärmen, mein Vermieter hat die Heizung seit Oktober ziemlich gut auf diese kühlen Außen-Temperaturen eingestellt.“
Sie setzt sich an den gedeckten Küchentisch. „Es ist schon komisch, wenn man sich hier an den gedeckten Tisch setzt. Seit meine Eltern so ohne alles dasitzen, kommt einem nicht einmal ein einfacher Kaffeelöffel selbstverständlich vor.“
„Stehen sie immer noch unter Schock?“ wage ich sie zu fragen und stelle den Auflauf auf den Tisch.
Maja bedient sich. „Ganz bestimmt, sie sind zwar für ein paar Tage jetzt in diesem Hotel gut aufgehoben, aber dann müssen sie ernsthaft darüber nachdenken, wo sie danach ihre Bleibe finden.“
„Es wird sicher lange dauern, bis sie das Haus wieder aufbauen können“, vermute ich.
Sie stöhnt. „Oh ja! Jetzt muss erst einmal die Brandursache geklärt werden, da sind die Gutachter der Versicherung im Spiel, die Polizei und die Feuerwehr sind ebenfalls reichlich beschäftigt, und bis jetzt ist die ganze Sache noch ein großes Rätsel.“
„Das schöne Haus auf dem Venusberg!“ sage ich bedauernd.
„Du bist doch auch darin aufgewachsen. Wie fühlst du dich denn jetzt?“
„Das kann man kaum beschreiben. Ich hatte bisher immer gedacht, dass ich nicht so sehr an materiellen Dingen hänge, aber in diesem Haus stecken all meine Kindheitserinnerungen mit allem, was man auch so selbst gestaltet hat. Ich kann noch gar nicht begreifen, dass alles weg ist, was auch mein Vater mit so viel Mühe für meine Mutter geschaffen hat.“
„Und die Polizei hat noch gar nichts gesagt, sie haben noch keine Verdächtigen?“ Ich fülle den Wein in die Gläser.
„Sie rätseln alle noch, zuerst haben sie behauptet, meine Mutter habe sicher vergessen, eine Heizdecke auszuschalten. Aber sie hatte gar keine.“
„Dann hätte es doch viel eher angefangen zu brennen“, entgegne ich. „Schließlich waren deine Eltern zu diesem Zeitpunkt schon drei Tage in Urlaub. So lange braucht kein Funken, um ein Haus anzuzünden.“
„Sicher nicht“, stimmt mir Maja zu. „Sie raten wirklich in alle Richtungen, aber bisher hat alles weder Hand noch Fuß.“ Sie hebt das Glas. „Lass uns darauf trinken, dass alles gut wird! Und irgendwie bin ich froh, dass meine Eltern zu dem Zeitpunkt gerade weit weg waren. Wie gut, dass ihnen nichts Schlimmeres passiert ist!“
Unsere Gläser klingen aneinander. „Sie werden jetzt viel Hilfe brauchen“, vermute ich. „Sie haben ja weder ein Bett noch genügend Sachen zum Anziehen. Und ich glaube nicht, dass die Versicherung etwas zahlt, bevor der Fall geklärt ist.“
„Es gruselt mich immer, wenn ich daran denke. Ein Bekannter hatte uns in dieser Nacht geweckt und Leopold und ich, wir sind sofort zum Tatort gefahren. Es war bereits alles gelöscht, aber zwei Feuerwehrautos standen noch zur Nachtwache bereit. Die ganze Luft stank nach Rauch, dem verkohlten Inventar und dem Löschwasser. Um die schwarzen Trümmer herum schwebten die November-Nebel.“
„Du wirst auch einige Zeit brauchen, um das zu verstehen“, fürchte ich. „Ich hoffe, dass sich deine Lieben gut gegenseitig trösten können.“
Maja nickt. „Verstehen kann man das nicht. Die Familie hält gut zusammen, aber der Pfarrer, der nebenan wohnt und uns von Kind an kennt, der konnte mich gar nicht verstehen, als ich weinte. Er meinte, das sei kein Grund, um traurig zu sein, da seien ja doch nur materielle Dinge verbrannt.“
Ich atme tief. „Na, der hat gut reden. Diese ganzen Dinge in eurem Haus haben auch ihren ideellen Wert. Ich weiß doch, dass ihr ganz viel selbst gemacht habt, und einer hat es für den anderen getan. Da steckt viel Liebe drin.“
Sie nickt. „Oh ja, wir haben gestickt, gestrickt, genäht, gebastelt, gemalt und getöpfert. Mein Vater bastelte Lampen für meine Mutter und schenkte ihr einen selbst gefertigten mit Mosaik-Steinen ausgelegten Tisch.“ Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Dein Nudelauflauf schmeckt übrigens köstlich.“
„Den habe ich auch extra für dich gemacht“, sage ich schmunzelnd und lege ihr eine Portion nach.
„Aber was ist jetzt mit dem komischen Zettel?“ kommt sie auf mein Fundstück zurück. „Wo hast du diesen Fetzen eigentlich her?“
„Du kennst doch bestimmt das Römer-Plätzchen hier in Bonn, auf dem täglich ein Blumenmarkt stattfindet. Dort ist ein kleines Büdchen, in dem man auch Zeitschriften kaufen kann. Und genau daneben befindet sich ein Papierkorb. Unweit davon leuchtete der Papierschnipsel auf dem Boden und veranlasste mich, ihn aufzuheben.“
Maja grinst. „Seit wann hebst du Papierschnipsel auf?“
„Normalerweise nicht, es sei denn sie sehen aus wie Geldscheine. Aber die blaue Tintenschrift lockte mich und machte mich neugierig.“
„Und du glaubst jetzt, du hättest einen Hinweis auf eine fürchterliche, kriminelle Tat gefunden?! Wer weiß, wie alt dieses Papier schon ist?! Möglicherweise hat jemand dort seinen alten Müll aus dem Keller entsorgt.“
„Ich bin gestern denselben Weg zum Markt gegangen, zu diesem Zeitpunkt war gerade das Kehrmännchen mit seinem Wagen unterwegs, alles war blitzeblank. Es wird also ständig gereinigt.“
Meine Freundin seufzt und nimmt einen großen Schluck Wein. „Du hast zu viel Fantasie, wahrscheinlich studierst du jetzt jeden Tag die Zeitung und wartest auf die Ankündigung eines Mordes.“
„Also, zu viel Fantasie habe ich wirklich nicht. Was ist in diesem Jahr nicht schon alles passiert?! Denk nur an die Festnahme des berühmten DDR-Spiones, der den Sturz unseres Bundeskanzlers verursacht hat! Und danach gab es hier in Bonn schon eine ganze Menge brandgefährlicher Momente.“
Sie nickt. „Du hast ja Recht! Und jetzt der Brand meines Elternhauses, der so viele Rätsel aufgibt. Immerhin wohnt auf dem hinten angrenzenden Grundstück ebenfalls ein bekannter Politiker. Möglicherweise handelt es sich auch um einen Anschlag auf diesen berühmten Mann. Tatsächlich scheint es an verschiedenen Ecken zu brennen.“
„Merkwürdig ist das schon alles.“ Ich hebe erneut das Glas. „Dann trinken wir jetzt darauf, dass sich alles bald klärt und dass es dir und deiner Familie bald besser geht!“
Sie stößt mit mir an. „Und auf uns“, fügt sie hinzu. „Und was machst du jetzt mit dem Papierschnipsel. Gehst du damit zur Polizei?“
„Nein, mit der habe ich auch schon weniger gute Erfahrungen gemacht. Mich hat einmal ein Mann bis zur Wohnungstür verfolgt und wollte mich dort hineindrängen. Tatsächlich habe ich ihn nur abschütteln können, weil ich laut nach der Nachbarin gerufen habe. Als ich diesen Mann später bei der Polizei angezeigt habe, fragten sie mich, ob ich einen Minirock getragen hätte. Was sagst du dazu?“
„Nicht sehr feinfühlig“, findet sie. „Aber da hast du noch einmal Glück...