Montag, 21. Juli
Lennart fühlte sich wie gerädert, als er am nächsten Morgen wach wurde. Obwohl die nächtliche Kälte nach einer Weile wie ein feuchter Schleier von der Ostsee ans Land gezogen war und ihn hatte frösteln lassen, hätte er nicht sagen können, um wie viel Uhr er von seinem Beobachtungsposten im Sand, an dem er noch lange über alles Mögliche nachgesonnen hatte, ins Bett gewandert war. Irgendwann hatte sich Maren neben ihn gelegt und sich an ihn geschmiegt. Im Halbschlaf hatte er sie gefragt, ob sie noch reden wolle, doch er hatte gespürt, wie sie müde und kraftlos den Kopf geschüttelt hatte. Dann waren sie beide wortlos eingeschlafen.
Nun, da er seine Augen aufschlug, war es draußen schon hell. Das hatte an sich nicht viel zu bedeuten, im Juli ging die Sonne auf Bornholm früh auf. Als er auf die Uhr sah, erschrak er jedoch: Es war bereits kurz nach acht. Er griff nach seinem Handy. Seine Augen hatten Mühe, die winzigen Buchstaben auf dem Display scharf zu stellen. Ohne Lesebrille wäre er wohl schon bald gänzlich aufgeschmissen. Als sich der Schleier ein wenig gelichtet hatte, konnte er schließlich entziffern, was das Telefon zu vermelden hatte: einen verpassten Anruf seines Vaters um kurz vor sieben, zwei Werbemails und eine Nachricht von Morten und Rosa Nygaard, die sich für den netten gemeinsamen Abend bedankten, auch wenn das natürlich Lennarts Pflicht als Gast gewesen wäre. Doch unter den gegebenen Umständen hatte er wohl eine ziemlich gute Entschuldigung für sein Versäumnis. Ida hatte zudem per WhatsApp nachgefragt, warum er sie denn mitten in der Nacht angerufen habe. Magda hingegen hatte sich nicht mehr gemeldet. Er runzelte die Stirn. Ob sie gut nach Hause gekommen war? Er hatte in der Nacht gar nicht mehr nachgesehen, doch jetzt verschaffte ihm die Standort-App bereits nach einer halben Minute Gewissheit: Ihr Telefon befand sich im Gymnasium, genauso wie das ihrer Schwester. Gott sei Dank.
Von Britta fehlte jegliche Nachricht. Insgeheim hatte er gehofft, dass sie vielleicht über Nacht wieder zur Besinnung gekommen und von ihrem seltsamen Vorhaben, ihn aus den polizeilichen Untersuchungen herauszuhalten, abgekommen wäre. Ganz offensichtlich war diese Hoffnung jedoch unbegründet gewesen.
Da Maren noch fest schlief, beschloss er, kurz zu checken, ob die Presse bereits Wind vom Unglücksfall imArgousier bekommen hatte, was aber anscheinend noch nicht der Fall war. Die letzten veröffentlichten Nachrichten über Maren und dasArgousier hatten allesamt noch mit dem angeblichen »Liebescomeback des Küchentraumpaars« zu tun. Doch das wäre nur eine Frage der Zeit. Auf Instagram sah es schon jetzt ganz anders aus: Eine Augenzeugin hatte ein Foto des Polizei- und Rettungseinsatzes gepostet, von Finjas Mutmaßungen berichtet, Falk sei an einer giftigen Substanz gestorben, und forderte das Restaurant auf, Stellung zu beziehen, worauf bereits zahlreiche User reagiert hatten.
»Geht der Shitstorm schon los?«, hörte er Maren fragen. Er legte das Handy weg, drehte sich zu ihr und streichelte ihr übers Haar.
»Eine von deinen gestrigen Besucherinnen will wissen, was los war, das ist alles.«
Sie seufzte. »Das ist alles, sagst du? Was soll ich ihr denn schreiben? Wie soll ich mich zu all dem verhalten?«
»Du wirst ihr die Wahrheit sagen: dass Falk eines viel zu frühen, aber natürlichen Todes gestorben ist, dass es sich u