ZWEI
London
Maeve, vor siebzehn Jahren
Maeve war durstig. Nicht weiter verwunderlich, schließlich saß sie schon geschlagene zwei Stunden und achtzehn Minuten auf dieser Bank und hatte seit dem Pub-Lunch mit Alistair nichts mehr getrunken. Ein Glas Orangensaft und einen Kaffee, mehr hatte sie nicht gehabt. Sie hatte mit gutem Beispiel vorangehen wollen. Alistair hatte trotzdem zwei Pints getrunken, obwohl er ursprünglich gesagt hatte: »Nur das eine« – wie ein Kind, das um einen Schokoladenkeks bettelt. Aber es war ihm gutgegangen, als sie sich verabschiedeten. Und ihr auch. Es wäre ihr immer noch gutgegangen ohne diese blöde Frau im Laden.
Maeve stand auf und streckte ihre Beine, ging ein paar Schritte nach links, dann wieder zurück. Sie durfte nicht riskieren, die Tür aus den Augen zu lassen. Zwei Leute waren vorhin dort herausgekommen, die an ihrer Kleidung als Angestellte zu erkennen waren – der Beweis, dass sie den Personaleingang richtig identifiziert hatte. Sie standen eine Weile herum und rauchten, ehe sie wieder hineingingen. Noch hatte es keinen Schichtwechsel gegeben, aber das war ihr egal. Sie konnte warten.
Sie drehte den dünnen Papierfetzen zwischen den Fingern und ließ zu, dass die Wut wieder in ihr aufloderte. Oben war das Wort »Gutschein« aufgedruckt. Es ging ihr nicht ums Geld, es ging ihr umsPrinzip, um die schiere Ungerechtigkeit der ganzen Sache. Sie hatte dieses Top nie getragen. Sie hatte keine Zeit gehabt, es anzuprobieren, als sie es gekauft hatte, und hatte ihren Einkaufsbummel abgebrochen, um den Zug zurück nach Bristol nicht zu verpassen. Aber als sie es dann zu Hause anzog, merkte sie sofort, dass es ihr überhaupt nicht passte. Die Ärmel zu kurz, um die Brust zu eng. Und die Farbe stand ihr auch nicht – sie ließ ihre ohnehin schon blasse Haut anämisch aussehen und verwandelte das Honigblond ihrer Haare in Strohblond. Sie hatte es gleich wieder ausgezogen und in die Tüte gestopft, mitsamt der Quittung, um es bei ihrem nächsten Besuch in London zurückzugeben.
Sie merkte, dass sie mit den Zähnen knirschte, und zwang sich, ihren Kiefer zu entspannen. Von dem Augenblick an, als sie die Frau im Laden erblickte, hatte sie gewusst, dass sie Ärger machen würde.
»Die Nächste«, hatte sie gerufen – kein »Bitte«, kein Lächeln. Sie hatte schwarz gefärbte Haare, zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, und harte Falten um den Mund, dabei war sie bestimmt nicht älter als fünfundzwanzig.
Maeve legte die Tüte auf den Tresen und erklärte, dass sie den Einkaufspreis erstattet haben wollte. Sie war höflich, sagte »bitte«, weil sie schließlich gut erzogen war – und das, obwohl sie die Kundin war und die Kundin doch immer recht hatte.
Die Frau befingerte das Top. »Das ist getragen«, sagte sie.
»Ich habe es anprobiert und gleich wieder ausgezogen. Wie ich Ihnen bereits sagte, es passt mir nicht.«
Die Frau deutete mit einem Acrylfingernagel auf den Halsausschnitt. »Das Sicherungsetikett fehlt.«
»Ach wirklich?« Maeve schaute auf die Stelle, auf die der Finger zeigte. »Dann muss Ihre Kollegin es abgenommen haben, als ich es gekauft habe.«
»Das machen wir nicht. Sie brauchen das Etikett für eine Rückerstattung.«
Maeve