Die Dreizehnte Tugend
Ich … bin …«
Bruder Diaz ließ den Saum seiner Kutte fallen, nachdem er sie, um schneller laufen zu können, auf Kniehöhe zusammengerafft hatte wie eine Braut, die zu spät zu ihrer Hochzeit erscheint. Seine schlappenden Schritte hallten vom spiegelhell polierten Marmor zurück, während er in beständig wachsender Panik durch das Korridorlabyrinth des Himmlischen Palasts hastete.
»Ich … bin …« Er rutschte auf einem Fleck frischer Spucke aus, nachdem ein Grüppchen hochrangiger Büßer den Boden hier offenbar besonders engagiert saubergeleckt hatte. Gleichzeitig überkam ihn der Verdacht, dass ihm im Schritt dabei ein Unglück passiert sein mochte. Jedenfalls fühlte er nichts von der überwältigenden Würde, mit der er in seinen Träumen durch diese heiligen Hallen geschritten war, bevor man ihn endgültig offiziell für seine Qualitäten auszeichnete. Bei Gott, vor seinen Augen drehte sich alles. Wurde er ohnmächtig? Musste er sterben?
»Bruder Eduardo Diaz?«, fragte die unglaublich große Sekretärin.
Der Name kam ihm vage bekannt vor. »Ich glaube, ja …« Er stützte sich mit beiden Fäusten auf den Tresen und versuchte, sein Keuchen so weit zu unterdrücken, dass er für einen respektablen Posten auf der mittleren Ebene der Kirchenhierarchie geeignet erschien. »Und ich kann mich nur … dafür entschuldigen … dass ich zu spät komme.« Mit heroischer Anstrengung unterdrückte er den Reflex, sich auf den Empfangstresen zu übergeben. »Da war diese verdammte Menge von Gichtkranken, die sich wegen des Sankt-Aelfrics-Tags versammelt hatten! Und der Kutscher …«
»Ihr seid zu früh.«
»… hat sich auch überhaupt keine Mühe gegeben, und ich … Was?«
Die Sekretärin zuckte die Achseln. »Wir sind hier in der Heiligen Stadt, Bruder Diaz. An jedem Tag wird mindestens eines Heiligen gedacht, und alle kommen ständig zu spät. Wir passen aufgrund dieser Erfahrung alle Termine entsprechend an.«
Erleichtert sank Bruder Diaz in sich zusammen. Die gütige Sankt Beatrix hatte doch noch an ihn gedacht! Beinahe wäre er auf die Knie gefallen, um ihr an Ort und Stelle tränenreich dafür zu danken, aber da er befürchtete, anschließend nicht mehr auf die Beine zu kommen, blieb er lieber stehen.
»Aber keine Angst.« Die Sekretärin kletterte von einem offenbar sehr hohen Stuhl und erwies sich nun wirklich als überraschend klein. »Kardinalin Zizka hat Euch einen Platz in ihrem Terminkalender freigeräumt und darum gebeten, dass Ihr sofort nach Eurem Eintreffen zu ihr gebracht werdet.« Mit einer großen, theatralischen Geste deutete sie auf eine Tür.
Auf einer Bank davor saß ein hünenhafter Mann mit gefurchtem Gesicht und schiefen Knöcheln, der vielleicht auch auf einen Termin wartete. Er hielt die grauen Augen mit einer solchen Ruhe auf Bruder Diaz gerichtet, dass man hätte glauben mögen, der Himmlische Palast sei um ihn herum errichtet worden. Sein kurz geschnittenes Haar war eisengrau und von zwei langen Narben durchzogen, sein grauer Bart sauber gestutzt und von drei Narb