: Sally Smith
: Der Tote in der Crown Row Ein Fall für Sir Gabriel Ward
: Goldmann Verlag
: 9783641314552
: Sir Gabriel Ward ermittelt
: 1
: CHF 13.50
:
: Historische Kriminalromane
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
»Ein wahres Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.« Sunday Times

London 1901: Der Temple-Bezirk mit seinen alten Gebäuden und verwinkelten Straßen liegt im Herzen Londons und bildet das Zentrum der englischen Rechtswelt. Ein Ort, an dem Traditionen alles bedeuten und Mord seit Jahrhunderten nur in Fallbüchern vorkommt – bis jetzt … Als der Anwalt Gabriel Ward an einem sonnigen Morgen im Mai aus seinen Räumen tritt, stolpert er buchstäblich über die Leiche des obersten Richters. Da die Polizei im Temple-Bezirk keine Befugnisse hat, wird Gabriel mit der Aufklärung betraut. In gewohnter Manier stürzt er sich mit Logik und Akribie auf die Fakten, doch er muss bald feststellen, dass ein Mord ganz eigenen Gesetzen folgt. Und dass sich hinter den schweren Eichentüren des Temple-Bezirks mehr dunkle Geheimnisse verstecken, als er je geahnt hätte …

Die Anwältin Sally Smith hat als King’s Counsel ihr gesamtes Berufsleben im Temple-Bezirk verbracht. Die historische Umgebung, in der sie lebt und arbeitet, und die jahrhundertelange Geschichte des Ortes inspirierten sie zu ihrem ersten Roman.

4


Eine Stunde nach Entdeckung der Taschenuhr Lord Dunnings wurde ein Polizeitransporter langsam die Middle Temple Lane entlanggezogen, jene schmale Straße zwischen Inner Temple und Middle Temple, wo die beiden altehrwürdigen Gruppen von Rechtsgelehrten residierten.

Das Klappern der Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster weckte noch die letzten Anwohner, die nicht bereits neu­gierig aus den Fenstern spähten. Die Pförtner, Hüter des großen Tors zur Fleet Street, öffneten es, um den Wagen hinauszulassen. Und so trat Lord Dunning, Lordoberrichter von England, seine letzte Reise an, die ihn an den Royal Courts of Justice vorbeiführte, in denen er jahrelang Recht gesprochen hatte.

Dort herrschte indessen helle Aufregung. Die Folgen der Nachricht vom Ableben des Lordoberrichters ließen sich kaum überblicken, die Liste seiner geplanten Verhandlungen war endlos. Prozessparteien warteten auf das Urteil in ihren Rechtsstreitigkeiten. Zwei Kronanwälte mit Robe und Perücke standen vor Lord Dunnings Gerichtssaal in Begleitung ihrer Mandanten, die Unsummen berappt hatten, um ihren juristischen Kampf vor dem Lordoberrichter persönlich ausfechten zu lassen. Der nun ranghöchste Richter, hastig zurate gezogen, ließ das Gerichtsgebäude kurzerhand für den Rest des Tages schließen.

Bestürzte Richter, abrupt ihrer Aufgaben enthoben, eilten aus ihren Räumen und trafen sich im Korridor, und so machte die grauenvolle Nachricht weiter die Runde. Dunning, seit vielen Jahren im Amt, war ein angesehener Mann gewesen, hatte aber wie viele Männer in hohen Positionen keine engen Freundschaften gepflegt. Deshalb war weniger Trauer als vielmehr Fassungslosigkeit ob dieses unsäglichen Verbrechens zu bemerken. Nachdem sämtliche Richter im Gang versammelt waren, schritten sie, wie angetrieben von einem gemeinsamen Instinkt, durch die gewaltige Eingangshalle und verließen das Gebäude.

Draußen stellten sie sich so dicht nebeneinander auf die Treppe, wie ihre Würde und ihre ausladenden Roben es zuließen, einer Art Bollwerk gegen Gesetzlosigkeit gleich, und zwar unwillkürlich in der Position ihrer Rangordnung. Ganz vorne postierten sich die fünf Richter des Berufungsgerichts, dahinter die einundzwanzig Richter der King’s Bench, des Kanzleigerichts und des Nachlassgerichts. Alle waren für die geplanten Prozesse des Vormittags angetan mit prachtvollen Gewandungen in Schwarz, Gold, Scharlachrot, Violett und jeweils mit dem obligatorischen Hermelinkragen. Als die sterblichen Überreste des Lordoberrichters langsam durch das große Tor des Temple und die Fleet Street entlang befördert wurden, nahmen sämtliche Richter in einer Geste der Achtung ihre Perücken ab und hielten sie in den Händen.

Bei der erhabenen Gruppe der Berufungsrichter standen die Lordrichter Wilson und Brown, Schulter an Schulter, den Kopf zum Gebet gesenkt. In den mit Hermelinpelz und farbigen Bändern verzierten Roben glichen die Männer einander und wirkten auf den ersten Blick beinahe identisch, als seien sie lediglich Verkörperungen richterlicher Auto­rität. Doch obwohl beide über einen scharfen Verstand und ausgeprägten Ehrgeiz verfügten, konnten sie kaum unterschiedlicher sein. Lordrichter Brown war groß, schmal­lippig, zurückhaltend un