: Jessica Amankona
: Das Geheimnis von Murano Roman
: Heyne Verlag
: 9783641298982
: Die Murano-Saga
: 1
: CHF 11.70
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: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Die Glasbläserin, von der niemand wissen darf

Murano, 1895: Schon lange fertigt die schöne Flavia Volpato heimlich an Stelle ihres eher untalentierten Zwillingsbruders dascristallo der Familie an, auch wenn den Frauen Venedigs das Handwerk immer noch untersagt ist. Trotzdem muss sie machtlos mitansehen, wie der Vater schließlich mit dem Erzrivalen Dal Corso fusioniert. Obendrein bekommt sie einen Glaskenner, den adligen John Pomeroy, auf den Hals gehetzt, der im Auftrag von Sibilla Veridiani ihrem gut gehüteten Geheimnis auf der Spur ist. Sollte er die Wahrheit herausfinden, wäre ihre Teilnahme an der Biennale in Gefahr und damit das Schicksal ihrer ganzen Familie besiegelt. Doch Flavia und John kommen sich immer näher. Beherrscht die begabte Glasbläserin das Spiel mit dem Feuer, oder werden ihre Gefühle sie am Ende alles kosten?

Jessica Amankona wurde 1987 in Osnabrück geboren, und wuchs in einem Frauenhaushalt mit vier Schwestern und ihrer Mutter auf. An der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster studierte sie spanische und französische Philologie. Neben dem Schreiben führt sie auf Instagram einen wachsenden Buch-Blog und wenn sie nicht gerade selbst fiktive Welten erschafft, träumt sie sich gerne in ferne Zeiten oder Länder. Für ihren Debütroman »Das Vermächtnis von Murano« hat sie akribisch recherchiert, und ist selbst auf den Spuren der Glasbläser durch die Gassen Venedigs gestreift.

Kapitel 1


Flavia hielt die fertige Skizze ihrer nächsten Glasskulptur ein Stück von sich weg, betrachtete sie mit schief gelegtem Kopf und entschied, dass zehn Flossen für ein Meeresungetüm selbst bei ihrer Fantasie ein paar zu viele waren. Wenn dieses Geschöpf schon die Macht besaß, sie ins Gefängnis zu bringen, nachdem es in seiner vollendeten Form aus dem Kühlofen gekommen war, dann sollte es wenigstens auch beeindrucken und nicht ausgelacht werden.

Den ganzen Morgen schon saß sie in ihrem Arbeitsraum und zeichnete, um sich von ihren eigentlichen Pflichten abzulenken.

Es war ein jetzt in den Wintermonaten zugiger, vom Rest der Glaswerkstatt abgetrennter Anbau, den ihr Vater dem Hinterhof abgetrotzt hatte, nachdem in Flavias Gegenwart seiner Meinung nach zu oft unbedachte Sprüche seitens der Garzonetti gefallen waren. Seine Arbeiter wollten, nur weil eine Frau anwesend war, die angewidert das Gesicht verzog, nicht darauf verzichten, von ihren nächtlichen Eroberungen zu berichten. Dem Argument, dass dies nun einmal ihre Domäne war und unter Kerlen ein derber Ton herrschte, konnte Flavias Vater nichts Sinnvolles entgegensetzen, also hatte er kapituliert und seine Tochter beklommen darum gebeten, sich zwischen Putz und einer nackten Ziegelwand zu entscheiden.

Zuerst hatte sie aufbegehrt und mit den Männern Streit gesucht, nicht bereit, sich aus der Werkhalle vertreiben zu lassen, doch nach der Ermahnung ihres Vaters, sie könnten froh sein, dass überhaupt noch jemand für sie arbeiten wolle, war sie zur Vernunft gekommen und hatte sich sogar auf die kleine Baumaßnahme gefreut. In ihrer Begeisterung hatte sie Marmorino ausgewählt, jenen glänzenden Verputz aus Kalk und Marmorpulver, mit dem schon die prächtigen Palastfassaden am Canal Grande bearbeitet worden waren. Ein paar Tage später, als sie die Schmuckstücke ihrer Mutter, grob in einen Beutel gestopft, auf dem Bürotisch gesehen hatte, war ihr die Bedeutung dieses unüberlegt geäußerten Wunsches mit Übelkeit erregender Heftigkeit klar geworden – und so hatte sie ihrem Vater versichert, dass sie Marmorino doch zu altmodisch fände und sie auf simplen Kalkputz umsteigen sollten.

Der Verzicht schmerzte immer noch, jedoch auf die gute Weise, wie ein lahmer Arm, nachdem man die ganze Nacht die canna geschwungen hatte. Und in der Abgeschiedenheit ihres eigenen kleinen Arbeitsraumes konnte sie sich immerhin der Inspiration hingeben und voll und ganz dem nachgehen, wofür sie wirklich entflammt war: der Glasbläserei.

Inzwischen füllte sie aus eigenem Antrieb die Lücke, die ihre Schwester Orietta mit ihrer aus der Not geborenen Flucht aus Venedig im Familienbetrieb hinterlassen hatte. Und was zunächst aus reiner Hilflosigkeit und einem Schuss Pflichtbewusstsein erwachsen war, entwickelte sich nun mehr und mehr zu Flavias eigenem Herzenswunsch. Leider waren damit nicht alle einverstanden.

Selbst ein Jahr, nachdem sie sich der Geschäfte angenommen hatte, wurde sie bei einem korrigierenden Griff um eine Glaspfeife immer noch irritiert von den Garzonetti angestarrt. Oder wennsie anstelle ihres Vaters zur Lösung eines Problems herbeieilte. Davor hatte ihre größte Herausforderung darin bestanden, Nonnas selbst gebackenen Kuchen beim Wohltätigkeitsbasar glaubhaft als ihren eigenen auszugeben – so gering waren die Erwartungen, die an sie gestellt wurden. Nun wollte sie den Familienbetrieb wieder auf Kurs bringen. Auch wenn das bedeutete, sich immer öfter zwischen der Verantwortung einer Geschäftsführerin und den Pflichten einer wohlerzogenen jungen Dame auf