Prolog
3. November 1926
Village Bay, St. Kilda
Es regnete, aber Regen sollte Glück bringen.
Nicht dass Jayne es nötig hatte. Sie heiratete den schönsten, größten Mann der Insel, einen Mann, bei dem sie Schmetterlinge im Bauch hatte, wenn sie ihn ansah. Seine Augen hatten die Farbe des Junihimmels, und sein glänzend schwarzes Haar trug er ein wenig länger als üblich – »zottig«, hatte Mad Annie es einmal genannt, »wie ein Schaf in der Mauser«. Er hatte breite, kräftige Schultern und lange Arme und Beine und war zwei Köpfe größer als alle anderen Männer, abgesehen von Angus MacKinnon.
Niemand bestritt, dass Norman der schönste Mann auf der Insel war, und Jayne erinnerte sich noch daran, wie sie vor Überraschung kaum hatte antworten können, als er sie im Sommer nach der Kirche angesprochen und gefragt hatte, ob sie einen Spaziergang mit ihm machen wolle. Sie war sich so sicher gewesen, dass er die neue Krankenschwester fragen würde, denn die Frauen redeten beim Wäschewaschen am Bach über keine andere. »Frisches Blut!«, hatte Ma Peg erfreut ausgerufen, und »eine Frau von Welt!«, hatte Mad Annie mit seltener Bewunderung gesagt, als Lorna vor Kurzem auf die Insel gezogen war. Die Krankenschwester war sechsundzwanzig und damit vier Jahre älter als Norman, gebildet und klug und hübsch in ihrer Ernsthaftigkeit. Sie konnte den Menschen auf so viele Arten helfen, die Jayne – die gerade achtzehn geworden war und sich in nichts besonders hervortat – nicht zur Verfügung standen. Allen war klar, dass Lorna für den beliebtesten Junggesellen aus dem Dorf die bessere Partie war … Und dennoch hatte er Jayne gewählt!
Ihr erster gemeinsamer Spaziergang war von Verlegenheit geprägt gewesen, das ließ sich nicht leugnen. Jayne hatte die erstaunten Blicke von Rachel MacKinnon und Christina MacQueen sehr wohl bemerkt, als sie und Norman sich von den anderen abgesondert und in Richtung Klippen gegangen waren. Keiner von beiden hatte etwas zu sagen gewusst, und entweder hatten sie gleichzeitig das Wort ergriffen oder waren beide in Schweigen verfallen. Aber er hatte darauf geachtet, dass sie in Sichtweite des Dorfes blieben. Die Leute würden reden, und er wollte Jaynes Ruf nicht gefährden – auch wenn sie keine Familie mehr hatte, die das kümmerte.
Nach dem Tod ihrer Mutter war ihr Vater nach Australien gegangen und hatte ihre beiden jüngeren Brüder mitgenommen. Er hatte Jayne nicht geglaubt, als sie ihm gesagt hatte, dass sie nicht mitkommen wolle, und selbst als er an Bord des Walfängers gestiegen war, der ihn zum Festland brachte, hatte er noch erwartet, sie würde von diesem »Unsinn« ablassen und ihm folgen. Aber schließlich hatte er auch seine Frau nie verstanden und welche Bürde Mutter und Tochter an ihrer Gabe zu tragen hatten: Hinaus in die Welt zu gehen und in einer größeren Gemeinschaft zu leben, hätte das Risiko bedeutet, dass ihre Visionen zunahmen, und die waren in einem Dorf mit weniger als vierzig Einwohnern schon schwer genug zu ertragen. Also hatte er Jayne nur mit sprachloser Bestürzung angestarrt, als sie mit bleichem Gesicht zwischen den anderen an der Küste stehen geblieben war und ihm nachgewinkt hatte.
Als das Schiff die Landzunge umrundete, waren alle in kleinen Gruppen zurück zu ihren Cottages gegangen und hatten die Lücke, die nun in ihrer Mitte klaffte, schon fast vergessen. Doch Ma Peg hatte Jayne in ihrer selbstgewählten Verlassenheit zitternd an der Küste stehen sehen, ihr die Hand gereicht und sie zum Abendessen mit zu sich genommen – und dort war Jayne geblieben. Zwei Jahre später – diesen Sommer – war Lorna gekommen und in Jayn