Kapitel 1
Eine Bartagame starrt zu mir herauf. Der Kleine ist irgendwas zwischen angenervt und beleidigt, und ich kann es ihm nicht verdenken. Falkor trägt sein Nietenhalsbändchen, ich halte das andere Ende der Leine. Er gehört mir nicht. Wir sind ein ungewolltes Duo, und er regt sich mehr darüber auf, als ihm zusteht.
Schließlich bin ich diejenige, die am Straßenrand sitzt, mit all meinen irdischen Besitztümern in zwei Plastiktüten und einem Koffer. Ich hatte nur zwei Stunden Zeit, um mein Zeug zusammenzupacken und meine momentane Bleibe zu räumen. Die Vierer-Haus-WG mit ihrer Monat für Monat erneuerten Mietvereinbarung hat sich als eine eher unangenehme Pyjamaparty mit Fremden entpuppt. Und ja, ich hätte was ahnen können, als die anderen nach und nach auszogen und alle Möbel mitnahmen. Aber leider hab ich erst vor zwei Stunden erfahren, dass wir zwangsgeräumt werden. Sabina, die Mutter der besagten Bartagame, hat mir einen Zettel mit folgender Nachricht hinterlassen:
Habe vielleicht vergessen zu erwähnen, dass wir nicht mehr hier wohnen können. Dein Zeug muss bis zehn raus sein. Pass für mich auf Falkor auf. Hole ihn in ein paar Tagen ab. Darf dort, wo ich hingehe, keine Tiere mitbringen.
Ich musste den Zettel fünfmal lesen, bis vollends bei mir ankam, dass ich kein Dach mehr überm Kopf hatte, dafür aber die zeitweilige Vormundschaft über ein Reptil. Während ich hier auf dem Bordstein sitze, denke ich über die Formulierung nach. Sie kann ihn dorthin, wo sie hingeht, nicht mitnehmen? Hat sie vor, ins All zu fliegen? Ich kann nicht ihre erste Wahl gewesen sein; Falkor und ich hatten in der kurzen Zeit, die wir im selben Haus gewohnt haben, kaum miteinander zu tun, zwischen uns herrscht also bestenfalls so etwas wie Verlegenheit.
Nach einer Reihe von schlechten Erfahrungen mit Mietverträgen undWGs wollte ich keine Langzeit-Verpflichtungen mehr eingehen. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte der Mietvertrag für ein halbes Jahr mit der Freundin einer Freundin. Sie wirkte eigentlich ganz normal, aber tun das nicht alle, bis du sie in ihrer privaten Umgebung erlebst? Die ersten zwei Wochen versteckte sie ihre Schrulligkeiten noch, dann warf sie mit Regeln um sich wie mit Süßigkeiten an Karneval.
In Monat zwei führte sie ein Verbot für Spontanbesuche von Freunden und Familie ein – jeder Besuch musste vorher genehmigt werden. Mein älterer Bruder Joe ließ sich von diesem Quatsch nicht beeindrucken und kamnoch öfter vorbei, nur um sie zu ärgern. Sie verjagte ihn mit einem Besen und erteilte ihm für drei Monate Hausverbot.
Danach schwor ich mir, nie wieder einen Mietvertrag zu unterschreiben. Diese Entscheidung hat mich allerdings dorthin geführt, wo ich heute gelandet bin. Obdachlos in der Bruthitze am Straßenrand, mit einer launischen Echse, die mir die kalte Schulter zeigt.
Felicity biegt in die Einfahrt ein und hupt. Als sie aus ihrem Auto springt, wirkt sie so glücklich, mich zu sehen, dass sie Falkor nicht einmal bemerkt. Sie hat eine Flasche Sekt in der Hand und fällt mir um den Hals, was ein gutes Zeichen sein muss.
»Danke, dafür schulde