: Liz Webb
: Die Bucht Du liebst ihn. Du vertraust ihm. Doch du hast keine Ahnung, wer er wirklich ist. Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641322175
: 1
: CHF 12.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Du liebst ihn. Du vertraust ihm. Du hast keine Ahnung, wer er wirklich ist.

In der Hoffnung auf einen Neuanfang zieht Nancy mit ihrem Mann Calder auf eine kleine Insel vor der Westküste Schottlands. Es fällt ihr jedoch schwer, sich in der kargen Landschaft mit den verschlossenen Bewohnern einzuleben. Und dann wird auch noch ihr größter Alptraum wahr: Sie findet Calders umgestürztes Boot in einer Bucht, sein Körper treibt regungslos im eiskalten Wasser. Dass er überlebt, gleicht einem Wunder. Doch Calder ist nach diesem Vorfall nicht mehr derselbe. Nancy spürt, dass er etwas vor ihr verbirgt, und sein Verhalten macht ihr Angst. Und als eine Leiche an den Strand gespült wird, weiß Nancy: Ein Neubeginn kann die Vergangenheit niemals völlig auslöschen ...

Liz Webb hat eine Ausbildung zur klassischen Tänzerin absolviert, arbeitete dann unter anderem als Sekretärin, Managerin eines Schreibwarenladens, Modell für Kunstkurse, Kellnerin, Stand-up-Comedian, Synchronsprecherin, Drehbuchautorin und Hörspielproduzentin, bevor sie ihr Thrillerdebüt »Das Waldhaus« schrieb. Sie lebt im Norden Londons.

Kapitel eins


Ich beuge mich über die eiskalte Reling der Fähre, während sich die weißen Nebelschwaden vor uns langsam lichten.

Und … da ist sie. Die Insel, die unser neues Zuhause sein wird. Langer.

Die anderen Passagiere der kleinen Fähre sind alle in ihren Autos geblieben. Calder und ich sind als Einzige so dumm, die Anfahrt zur Insel an Deck und in der beißenden Kälte zu verfolgen, womit wir sofort als Neuankömmlinge zu erkennen sind. Was zumindest auf mich auch zutrifft. Calder ist hier geboren, hat die Insel aber vor über zwanzig Jahren verlassen. Ich sehe zu ihm hoch, seine langen schwarzen Haare flattern im Wind, seine Wangen sind gerötet, die Stirn gerunzelt, die Augen leicht zusammengekniffen. Wegen der Kälte? Oder holen ihn Erinnerungen an seine Kindheit ein?

»Alles okay?«, frage ich ihn mit erhobener Stimme, um den Wind zu übertönen.

Er nickt, wendet den Blick aber nicht von der Insel.

Ich sehe aufs Wasser, unter uns wippt eine fette Möwe auf den Wellen. Frieren dem Vogel nicht die Füße ein? Offenbar nicht, er wirkt völlig gelassen und selbstzufrieden.

Laut dem Aushang am Kai soll die Fahrt zu der Schieferinsel an der Westküste von Schottland vierzehn Minuten dauern. Das klang sehr kurz, doch es fühlt sich viel länger an. Wie kann die Sonne scheinen und es gleichzeitig so bitterkalt sein?

Unser Mietwagen steht bei den anderen fünf Autos, die der untersetzte Mann im dicken braunen Pullover eingewiesen hat. Ich habe jedoch darauf gedrängt, dass wir aussteigen und uns an den Bug stellen, weil ich jeden Moment unserer Anreise genießen will, egal wie eisig.

Die fette Möwe verschwindet abrupt unter Wasser und wird sofort von den grauen Tiefen verschluckt. Ich warte, dass sie wieder hochkommt, doch sie taucht nicht mehr auf.

»Wo ist der Vogel?«

»Welcher Vogel?«, fragt Calder abwesend.

»Eine Möwe. Gerade war sie noch da.« Ich deute in die Richtung. »Ich habe sie beobachtet, und dann ist sie plötzlich abgetaucht und verschwunden.«

»Ach, Nancy, es geht ihr bestimmt gut.«

»Aber wie lange kann sie da unten überleben? Das Wasser ist doch eiskalt.«

Er sieht mich an und hebt eine Augenbraue. »Ich bezweifle ernsthaft, dass irgendein Vogel sich umgebracht hat, weil du ihn angestarrt hast. Andererseits ist dein Blick auch wirklich einschüchternd …«

»Jaja.« Ich lache. Doch als er zurück zur Insel sieht, ziehe ich die Ärmel meiner dünnen Jacke über meine Finger mit den abgekauten Nägeln, um mich an der Reling festzuhalten, dann beuge ich mich so weit darüber, wie ich es wage, um die Wasseroberfläche zu beobachten.

»He, pass auf«, ruft Calder und zieht mich zurück.

»Schon gut.« Ich lache wieder. Aber wo ist jetzt der arme Vogel? Mittlerweile muss er doch erfroren sein? Warum treibt er dann nicht leblos an der Oberfläche? Ich atme die kalte salzige Luft ein, während ich auf das sich ständig ändernde Muster der Wellen starre. Könnte die Möwe bis unter die Fähre getaucht sein? Ich laufe hin und her. Sie ist nirgends zu sehen. Nur das