Kapitel 1
Amber
»Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen.«
Als ich mich zu meiner Mutter umdrehte, wurde mir das Herz mit einem Mal schwer. Mom sah müde aus. Fast noch erschöpfter als am Abend zuvor. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen, die Haut wirkte fahl, die Wangen eingefallen. Hatte sie schon wieder abgenommen? Bei den winzigen Mengen, die sie aß, wäre es kein Wunder gewesen.
»Deine Haare«, fügte sie hinzu und machte einen Schritt in meine Richtung. »Immer wenn ich an dich denke, habe ich dich mit der langen Mähne vor Augen. So wie früher. Wenn ich dich dann sehe, bekomme ich einen Schreck.«
Na danke, Mom.
Obwohl ich genau das sonst vermied, warf ich einen Blick in den Spiegel, der bereits seit Ewigkeiten an der Holzwand meines Zimmers hing. Vor einem halben Jahr hatte ich mir die hüftlangen Haare auf Schulterhöhe abschneiden lassen. Ich hatte es nicht mehr ertragen, wie ich auszusehen. Wie die alte Amber, die ich hinter mir gelassen hatte.
Über Jahre hinweg hatte ich meine Haarpacht gehegt und gepflegt, genauso wie meine Beziehung zu Caleb. Als ich mich von ihm verabschieden musste, war es mir irgendwie naheliegend erschienen, mich auch von meiner Mähne zu trennen. Nachdem sich alles von einem Tag auf den anderen geändert hatte, war es genau das, was ich gebraucht hatte.
Ich seufzte und streckte eine Hand aus, um Mom sanft am Arm zu berühren. Als ich mit den Fingern ihre Haut streifte, zeigte sich ein schwaches Lächeln auf ihrem Gesicht.
»Ich habe deine Haare geliebt.«
»Mir gefällt es so besser.« Sie fing immer wieder mit dem Thema an, obwohl sie ganz andere Probleme hatte. Ich machte eine kurze Pause, überlegte, ob ich es ansprechen sollte. Wahrscheinlich war es keine gute Idee, aber ich konnte meine Sorgen nicht herunterschlucken. »Mom … isst du genug?«
Sie lachte und winkte ab, aber ich wusste, wann sie mir etwas vormachte.
»Mom …«
»Ach, Schatz, mach dir nicht immer so viele Gedanken. Ich bin froh, dass du hier bist und deine Semesterferien bei mir verbringst.«
»Das hab ich dir doch versprochen.« Weil ich mir ansonsten unentwegt Sorgen um sie gemacht hätte. Besonders jetzt, da ich wusste, dass es ihr wieder schlechter ging.
Meiner Mutter gehörte das einzige Bed & Breakfast in Hazelwood. Eine Reinigungskraft brachte die Zimmer auf Vordermann, doch die restliche Arbeit blieb an ihr hängen. Dazu zählte nicht nur die Rezeption samt Buchungen und der Papierkram, sondern auch das morgendliche Herrichten des Frühstücksraums. Immer wenn ich es einrichten konnte, griff ich ihr, so gut es ging, für ein paar Tage unter die Arme. Und in den ersten Semesterferien des Studiums würde es nicht anders sein, auch wenn ich eigentlich etwas für die Uni tun sollte. Zwar hatte ich einen Stapel Bücher und mein MacBook dabei, weil ich für die Prüfungen im Herbst lernen musste und auch noch eine Hausarbeit anstand, aber ich war mir nicht sicher, ob ich in den nächsten Wochen dazu kommen würde. Wen