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Jede Leiche hat eine Geschichte zu erzählen
Es gab einen Mythos. Keine schaurige Großstadtlegende, die kleine Kinder vor Angst das Bett einnässen ließ, aber etwas Verstörendes hatte er durchaus. Seine zweifelhafte Existenz verdankte er vermutlich der schelmischen Erzählkunst eines Arztes wie Siri Paiboun, des ehemaligen staatlichen Leichenbeschauers der Demokratischen Volksrepublik Laos, der dafür bekannt war, dass er die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit oft und gern verwischte. Der Mythos lautete in etwa so: Nach dem Tod eines Menschen wachsen seine Haare und Nägel auf rätselhafte Weise weiter. Jeder auch nur halbwegs kompetente Mediziner würde derlei mit einem Kichern abtun, doch so abseitig diese Geschichte auch sein mochte: Es gab Leute, die Stein und Bein schworen, dieses Phänomen mit eigenen Augen beobachtet zu haben. Und all die Zweifler und »Experten« hätten nur einmal den Schlüssel unter der Fußmatte der Pathologie der Mahosot-Klinik in Vientiane hervorholen, sich Zugang zum Schneideraum verschaffen, das einzige belegte Fach der Kühlkammer herausziehen und das Tuch zurückschlagen müssen. Dann hätten sie schon gesehen …
Das Haupthaar des Genossen Thinh war noch immer voll und kräftig, wenn auch für laotische Moralverhältnisse ein klein wenig zu lang. Seine Nasenhaare hingegen waren in eindrucksvollem Maß gewachsen, seit er das Zeitliche gesegnet hatte. Sie waren aktuell gut sechs Zentimeter lang. Herr Geung, der Laborassistent, hatte sie zu einem ordentlichen Schnäuzer gekämmt und nicht den geringsten Zweifel, dass über kurz oder lang ein Kinnbart daraus werden würde.
Der Genosse Thinh lag seit fast einer Woche in der Pathologie und kultivierte seine struppige Nasenpracht, während seine Frau und seine Geliebte sich darum stritten, wer seinen Leichnam mit nach Hause nehmen durfte. Zu seinem Glück war Thinh nicht mehr am Leben, denn die beiden Frauen waren verabscheuungswürdige Gestalten. Er hatte sich das Genick vermutlich nur gebrochen, um sie endgültig loszuwerden. Die Entscheidung lag gegenwärtig in den Händen eines eilig einberufenen Rates, bestehend aus Mitgliedern des vietnamesischen Zentralkomitees, selbstverständlich alles Männer. Dass die Frage von einem so hohen Gremium erörtert wurde, verdankte sich dem Rang und Ansehen des Verstorbenen und nicht zuletzt den potenziellen Folgen, die drohten, wenn er auf dem falschen Scheiterhaufen verbrannt wurde.
Offiziell hatte Dr. Siri mit der Pathologie nichts mehr zu tun. Er fristete sein Los inzwischen hinter dem Eingang der Nudelküche seiner Frau, wo er zwischen den Schichten an einem der hinteren Tische saß, Kaffee trank und die Nase in jedes Buch steckte, dessen er habhaft werden konnte. Seine illegale Bibliothek existierte schon seit Jahren nicht mehr, und 1981 war Laos auf der literarischen Weltkarte ein weißer Fleck. In der einzigen Buchhandlung des Landes gab es fünf laotische Übersetzungen von sowjetkommunistischem Blabla, ein Regal mit amtlichen Berichten und die letzten drei Jah