: Reinhard Friedl
: Ein Arzt für jede Welle Kreuzfahrt zwischen Lebensgefahr und Liebeskummer, vom Nordkap bis New York - Ein Schiffsarzt erzählt
: Goldmann Verlag
: 9783641323400
: 1
: CHF 13.50
:
: Comic, Cartoon, Humor, Satire
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Geschichten aus dem schwimmenden Krankenhaus

Ein Kreuzfahrtschiff ist eine eigene kleine Welt – mit Restaurants, Theatern, Maschinenräumen und natürlich auch einem Krankenhaus. Hier arbeitet Schiffsarzt Priv. Doz. Dr. med. Reinhard Friedl und erlebt Tag für Tag, was Medizin auf hoher See bedeutet: Nicht nur Schnupfen, sondern auch Notfälle, rätselhafte Krankheitsverläufe und überraschende Diagnosen. Immer wieder ist detektivischer Spürsinn gefragt. Ist es wirklich ein Herzinfarkt – oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Mit Witz, Tiefgang und viel Einfühlungsvermögen erzählt Dr. Friedl aus dem Alltag auf See. Ein faszinierender Blick hinter die Kulissen eines Berufs, in dem Menschlichkeit und Mitgefühl an erster Stelle stehen – selbst mitten auf dem Ozean.

Eine Reise um die Welt, eine Philosophie des Lebens. Da sind alle großen Lebensthemen zwischen Liebe und Tod mit im Boot.

Unser Herzschlag ist sein Beruf:Priv. Doz. Dr. med. Reinhard Friedlist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Er hielt schon viele tausend Herzen in den Händen. Er hat frühgeborene Babys operiert und bei hochbetagten Patienten Herzklappen repariert, er hat Kunstherz-Turbinen implantiert und Messerstichverletzungen am Herzen genäht. Blut war der tägliche Begleiter des Herzchirurgen, Intensivmediziners und Notarztes. Sein Fließen verbindet jede einzelne Zelle unseres Körpers mit dem Herzen. Eingehend setzt er sich mit den Ergebnissen der aktuellen Neuro- und Psychokardiologie auseinander, die immer mehr Geheimnisse der komplexen Verbindung zwischen Herz, Blut, Gehirn und Seele zutage fördern.

Auf neuem Kurs


Der Flug zu meinem ersten Einsatz landete mit zwei Stunden Verspätung. Am Flughafen in Rom erwartete mich am Ausgang des Terminals ein Fahrer mit schwarzem Anzug und Sonnenbrille. Das Schild mit meinem Namen hielt er am schlaff hängenden Arm. So stand er kopf. Wie mein Leben.

»Dr. Friedl?«, fragte er.

Mein freundliches Nicken erwiderte er mit einem genervten »Madonna Misericordia!« – Barmherzige Maria! –, drehte sich um, rief mir über die Schulter »Come!« zu, komm, und eilte voraus in die Tiefgarage.

Im Weiteren schwieg er, was mir gerade recht war, so konnte ich während der rasanten Fahrt in einem Kleinbus im Ferrari-Modus durch die Hügel der sonnigen italienischen Provinz meinen Gedanken nachhängen und der großen Frage: Was würde mich erwarten?

Hinter einer Bergkuppe erschien das Mittelmeer wie ein weit ausgebreiteter blauer Mantel, auf dessen Oberfläche schimmernde Wellen leichte Falten warfen, in die eine strahlende Sonne leuchtende Glitzersteine hineinwob. Ich empfand eine tiefe Freude ob dieses Wiedersehens, und es war genauso wie beim ersten Mal. Damals fuhr ich, gerade achtzehn Jahre alt und frisch verliebt, mit meiner Freundin in einem klapprigen Ford Fiesta nach Kroatien. Das Meer und ich … es war Liebe auf den ersten Blick, eine Beziehung, die bis heute anhält, und sie ist auch meine längste.

Einen groben Kontrast zu seiner blauen Erhabenheit und Schönheit bildete Civitavecchia, auf Deutsch »alte Stadt«, der wir uns nun näherten. Vonalt war nichts zu sehen. Wie mir schien, hatte sie sich in der Neuzeit zu einer außerordentlich hässlichen Industrie- und Hafenstadt entwickelt. Dass ich hier eines Tages mein ganz persönliches Wunder erleben sollte, davon ahnte ich nichts. In einem zähen Strom aus Lastwagen und Bussen quälten wir uns vorbei an gewaltigen Gas- und Erdöltanks und schoben uns schließlich im Schritttempo über eine gigantische Betonpier von mehreren Kilometern Länge. Ein absurd hässliches Bollwerk aus Stahl und Zement, das den Hafen gegen das Tyrrhenische Meer abschirmt und dessen Mauer so hoch ist, dass sein blauer Glanz überhaupt nicht mehr zu sehen war. Im Inneren des Hafenbeckens festgemacht, lagen hintereinander acht »Raumschiffe« aus Stahl und Glas, so erschienen mir diese futuristischen schwimmenden Giganten. Wie Satelliten des Raumschiffs Erde, startklar aufgereiht in einem Weltraumbahnhof. Am Bug eines ozeanblauen Schiffs, das sich vergleichsweise zierlich im Vergleich zu den anderen Megapötten ausnahm und fast ein bisschenold fashioned erschien, stand in geschwungener Schrift:Mein Schiff 1. Eine elegante Lady alter Schule, weniger protzig, elegante Decks und ästhetische Linien, gekleidet Ton in Ton mit der Farbe des Meeres an diesem Tag. Ich fand sie auf Anhieb … schön! Während andere Schiffe lediglich den Schiffsnamen auf der Außenhaut trugen, zierten sie etliche Tattoos in Schreibschrift, von denen ich im Vorbeifahren einige erhaschte:Meerblick, Erlebnisse, Horizonte, Neuland, Erlebnisse … und Gelassenheit. Sie klangen wie ein Versprechen.

Mein schweigsamer Fahrer wendete scharf, stoppte, stieg aus, wuchtete meine Reisetasche aus dem Kofferraum, knallte sie auf die Pier, wies mit dem Kopf diffus Richtung Schiff und sagte »Go«. Dann brauste er davon. Wie bestellt und nicht abgeholt, stand ich auf dem Kai. Ich hatte Menschenmassen erwartet, doch alles, was sich vor derMein Schiff 1 tummelte, war ein einsames Partyzelt. Darunter zwei Beine. Beim Näherkommen erkannte ich, dass sie zu einem Wachmann gehörten, der im Schatten hinter einem Pult döste. Ich fühlte mich wie in einem Italowestern. Es war früher Nachmittag und bestialisch heiß, die Luft flimmerte auf dem trostlosen Betonfundament. Hätte dieser Sheriff einen Cowboyhut aufgehabt und auf einer Mundharmonika die einsame Melodie