: Tankred Lerch
: Hope oder wenn Papa Mama wird Roman
: Heyne
: 9783641329709
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine Affäre mit der Unternehmerin Leonie hat für Nick ungeahnte Folgen: Er wird Vater - oder eher Mutter, denn Leo will auf keinen Fall in diese Rolle schlüpfen. Sie überlässt die kleine Hope seiner Obhut. Nick stürzt sich mit nie gekannter Leidenschaft und großer Liebe in seine neue Aufgabe. Doch er hat nicht mit den Widerständen gerechnet, die einem Mann in der klassischen Mutterrolle begegnen, und schon gar nicht mit den anderen Eltern, die ihn auf dem Spielplatz misstrauisch beäugen. Oder mit den Schwierigkeiten, einen Kita-Platz zu finden und nebenbei noch Geld zu verdienen. Um seine Finanzen auszugleichen, legt Nick sich zwei Untermieter zu. Die schließen zwar sofort Hope ins Herz, haben ansonsten aber einen eher zweifelhaften Leumund. Was dazu führt, dass Nick eine panische Angst vor einer Kontrolle des Jungendamts entwickelt ...



Tankred Lerch ist Schriftsteller, ausgebildeter Journalist, Autor und Drehbuchautor zahlreicher preisgekrönter TV Shows und Comedyserien.

Prolog

Wenn sie ihm gegenübersitzt und ihn anschaut, hat Nick das Gefühl, sie kann in ihn hineinsehen, obwohl sie noch nicht einmal zweieinhalb Jahre alt ist. Sie sitzt dann kerzengerade in ihrem Hochstuhl und kneift ein Auge, es ist das linke, halb zu, scheint alles um sich herum zu vergessen und guckt in seine Seele. Was mag sie sehen? Kann sie seine Gedanken lesen? Hoffentlich nicht, sie soll nicht wissen, welche Ängste er hat und was er tut, damit diese nicht im Kampf gegen das Schöne in seinem Leben siegen. Und das Schöne ist sie.

Was sollte sie damit anfangen können, zu wissen, dass er gleichzeitig versucht, die Zeit mit ihr zu genießen, aber auch daran denkt, den Haustürschlüssel nicht zu vergessen, überlegt, wo das Auto steht, das Auto abzuschaffen, es doch nicht abzuschaffen, zwischendurch erschrickt, weil das Handy nicht in seiner Hosentasche ist und er nicht sehen kann, wie spät es ist, und er sie wieder zu spät bringen und von Esther in der Kita einen Anpfiff bekommen wird. Den dritten oder vierten in diesem Monat.

Die Küchenuhr ist schon seit einiger Zeit kaputt. Man kann es sehen, wenn man einen Blick auf sie wirft. Man kann es aber auch auf dem Zettel lesen, der neben der Kaffeemaschine langsam vergilbt. »Uhr kaputt«. Eine sinnlose Notiz, die dort seit fast drei Jahren liegt. »Uhr reparieren« oder »Uhr wegwerfen« wäre besser. Oder es einfach mal machen. Der Stundenzeiger hängt schlaff nach unten, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen und jetzt völlig ausgelaugt, während der kleine Sekundenzeiger sein Tempo verschärft hat und die Minute in weniger als einer halben absolviert, so als würde er seinen großen Freund auffordern, sich nicht hängen zu lassen, nicht aufzugeben, doch noch eine Runde zu drehen.

Er verliert sich in Gedanken und taucht erst wieder daraus hervor, als Hope ihm vorsichtig auf den Arm tippt.

Wenn er sie anschaut, ist sein Blick voller Liebe. Sie ist das Schönste und Beste, was ihm in seinem Leben passiert ist. Er kann nicht genug davon bekommen, sie anzusehen. Ihr dunkelblondes Haar, zu zwei Zöpfen geflochten. Er hat die Zöpfe selbst gemacht und sie sehen fast wie richtige Zöpfe aus. Als er letztes Jahr, als ihre Haare lang genug waren, damit begonnen hatte, war es gut zu wissen, dass es Zöpfe sein sollten, denn sie erinnerten viel mehr an ausgefranste Stücke eines Springseils. Das Springseil!! Wo ist es eigentlich? Haben sie es wieder eingepackt, als es neulich urplötzlich anfing zu regnen? Oder liegt es immer noch auf dem Piratenspielplatz, dem Pirati? Oder auf dem Schiffi, dem anderen Spielplatz? Oder hat jemand es eingepackt und mitgenommen und ihm ein neues Zuhause gegeben? Einen Platz, wo das Seil es besser hat als bei ihm? Wo man es nicht einfach vergisst? Schon wieder werden seine Augen feucht, er nimmt schnell einen Schluck Kaffee und tut so, als würde er etwas auf dem Boden suchen.