: Anna Campagna, Ulrich Pieper, Stefan Giesberg
: Plötzlich hochbegabt Erst spät erkannte Hochbegabte erzählen ihre Geschichte - Unterstützt von Mensa in Deutschland e.V., dem Netzwerk für Menschen mit Hochbegabung
: Goldmann Verlag
: 9783641328696
: 1
: CHF 8.00
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Erzähl ngen aus dem Leben spät erkannter Hochbegabter

Rund um das Thema Hochbegabung existieren viele Klischees, nicht zuletzt befeuert durch die mediale Berichterstattung: Betroffene wären übermenschliche Superhirne, ausgestattet mit einer Vielzahl an verrückten Talenten, beruflich wie privat auf der Überholspur. Oder aber verschrobene, ewig missverstandene Eigenbrötler. »Plötzlich hochbegabt« vereint die Geschichten von Betroffenen, die erst im Erwachsenenalter von ihrer Hochbegabung erfuhren. Eine Erkenntnis, die viele Aspekte ihres bisherigen Lebens erklärte, aber nicht so, wie man denken möchte: Manche von ihnen treiben voller Tatendrang ein Projekt nach dem anderen voran, andere bringen selten eins zu Ende. Einige der Hochbegabten sind sehr starke Charaktere, andere wiederum sehr unsicher, die einen sozial engagiert, die anderen überaus freiheitsliebend, es sind Künstler dabei sowie Bodenständige.

Sie alle eint die Erfahrung, dass eine Hochbegabung nicht nur das Denken eines Menschen formt, sondern seine ganze Persönlichkeit. Und während sonst meist Psychologen zu Wort kommen, Lehrkräfte und Eltern, zeichnen die Protagonisten in »Plötzlich hochbegabt« ein bunteres Bild. Sie erzählen vom Wendepunkt ihres Lebens und liefern Antworten auf die nach einem positiven Mensa-Test aufkommenden Fragen. Aber vor allem wollen sie diejenigen, die einen solchen Test noch nicht in Erwägung gezogen haben, dazu ermutigen, genauer hinzuschauen: Denn du musst kein Genie sein, um hochbegabt zu sein.

Entfesselt und selbst-bewusst leben

Heike, geb. 1970

Ja, Sie haben eine intellektuelle Hochbegabung!

Das, was ich seit über einem Jahr im Kopf mit mir herumtrug, mich nicht traute, überprüfen zu lassen, war nun Realität geworden. Mehrmals hatte ich die Terminliste vonMensa vor Augen, zögerte, mich zum Test anzumelden. Letztendlich suchte ich eine Spezialistin auf und vereinbarte einen Termin zur Einzeltestung. Ich wollte ganz sicher sein, dass dasaus mir rausgeholt wird, was wirklich da ist. Es deutete viel darauf hin, aber glauben wollte ich es nicht. Ausgerechnet ich? Ja, ich wollte endlich Gewissheit haben und nicht mehr hadern, obJa oder Nein. Der Gehirnspuk sollte ein Ende haben!

Exakt vier Monate vor meinem 51. Geburtstag bekamen die Wechseljahre für mich somit eine ganz neue Bedeutung. Irgendwie tickte ich ja anders als viele andere, eckte immer mal wieder an und ging oft außergewöhnliche Wege, abseits der Norm. Jetzt hatte ich die Erklärung – und es tat gut! Nun wusste ich, dass ich richtig ticke – nur eben ein wenig anders als 98 Prozent der Bevölkerung. Und dass ich so ticken darf, wie ich ticke. Aber bis zu dieser Erkenntnis dauerte es noch.

Es war im Dezember 2019, als mir eine Bekannte erneut den Hinweis gab, dass sie glaubte, bei mir würde eineHochbegabung vorliegen. Sie hatte es einige Monate vorher schon einmal erwähnt, damals wischte ich es lachend beiseite:Ich mit meiner Abi-Note von 2,8? Ne, ganz sicher nicht! Ich war gefangen in dem klassischen Klischee, dass Hochbegabte Leuchten in der Schule sind. Mich sah ich eher in Gesellschaft der dunkelsten Kerzen auf der Torte. Nach diesem erneuten Hinweis konnte ich es nicht mehr ignorieren, denn die Bekannte nannte mir Merkmale, die mich stutzig machten, wie zum Beispiel das Anecken in Teams – genau das beschäftigte mich zu dieser Zeit sehr. In meinem Weihnachtsurlaub hatte ich die Muße, mich in das Thema einzulesen. Schnell war aus dem Schmierzettel, auf dem ich mirmeine Auffälligkeiten notierte, eine Datei im Laptop geworden, die immer länger wurde. Ich las im Internet alles, was ich fand, hörte mir bei der Hausarbeit Podcasts über Hochbegabung an, las in den folgenden Tagen zwei Bücher. Meine Datei füllte sich, es entstanden Unterkategorien –Kindheit,Jugend,Familie,Beruf usw. Mir fiel unendlich viel ein, aber ich fand auch immer Gegenargumente.

Nach über einem Jahr wollte ich Gewissheit. Grund war auch die fortschreitende Demenz meiner Mutter. Ich wollte ihr ihre Wahrnehmung, dass ich so anders sei als meine beiden Schwestern, bestätigen und begründen können, bevor sie es nicht mehr realisieren konnte. Genau genommen war das für mich der größte Antrieb.Dich müssen sie in der Klinik vertauscht haben, du bist so anders als deine Schwestern. Mit ihrer Bemerkung in meiner Kindheit gab sie mir die notwendige Entscheidungskraft. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar.

Im März 2021 hatte ich die Diagnose eine Woche nach dem Test schwarz auf weiß im Briefkasten. Realisiert hatte ich es immer noch nicht und anstatt mich zu freuen, fiel ich erst mal in eine Art Schockstarre. Nur mein Partner und meine engste Freundin erfuhren das Ergebnis. Das waren auch die Einzigen, die von dem Test wussten.

In den folgenden Wochen fuhren meine Gefühle mit mir Achterbahn: Ich war wütend, weil es nicht schon in der Kindheit erkannt wurde, war traurig über mögliche verpasste Chancen, war glücklich, dass ich nun wusste, warum ich mich doch immer mal irgendwie anders, nicht dazugehörig, fühlte. Eigentlich fand ich mich ganz normal – sollte ich wirklich hochbegabt sein? Vielleicht war es ein Irrtum! Ich begann, in meinen Erinnerungen und meiner Datei im Laptop zu suchen. Was war anders, was war typisch hochbegabt? Ich fing wieder von vorne an. Jetzt, wo ich es wusste, musste ich es erst noch begreifen.

Ich kramte in meinen Erinnerungen: Als mittlere v