: Sia Piontek
: Der Wolf im dunklen Wald Kriminalroman
: Goldmann Verlag
: 9783641309107
: Ein Carla-Seidel-Krimi
: 1
: CHF 12.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sie haben dir alles genommen. Und jetzt willst du sie sterben sehen ...

Nach einer großen Gesellschaftsjagd im Wendland wird einer der Teilnehmer vermisst. Wenig später wird der Mann grausam ermordet auf einer Lichtung aufgefunden. Das Opfer wurde mit sieben massiven Messerstichen getötet, wovon bereits der erste tödlich war. Die Heftigkeit, mit der die Tat ausgeführt wurde, lässt Carla Seidel ein Verbrechen aus Rache vermuten. Unterdessen hat Carlas Tochter Lana andere Sorgen: Warum hat ihr Schwarm Fabian sie in der Nacht vor dem Mord mit in den Wald genommen? Weiß er mehr, als er zugibt? Noch bevor sie ihn zur Rede stellen kann, geschieht ein weiterer Mord. Während Carla fieberhaft nach dem Täter fahndet, hat dieser bereits sein nächstes Opfer im Visier. Und Lana kommt ihm dabei gefährlich nahe ...

Sia Piontek ist das Pseudonym einer ehemaligen Verlagsprogrammleiterin, die bereits mehrere Romane veröffentlicht hat. »Die Sehenden und die Toten« ist der Auftakt ihrer im Wendland angesiedelten Kriminalromanreihe um die Ermittlerin Carla Seidel. Wenn sie nicht gerade schreibt, arbeitet Sia Piontek als Schreibcoach und freie Lektorin. Sie lebt mit ihrer Tochter in Hamburg und im Wendland.

KAPITEL 1


Mit Schwung warf Carla ihre durchgeschwitzten Sachen in die Sporttasche und fuhr sich mit der Hand über das noch nasse Haar. Als sie beim Nacken ankam und die ausrasierten Spitzen fühlte, hielt sie inne. Wann würde sie sich endlich daran gewöhnen?

Knapp zwei Monate war es nun schon her, dass sie Mandy’s Schnittchen in Dannenberg betreten hatte, weil sie ihr schulterlanges, in glatten Strähnen herabhängendes Haar in etwas »Frischeres« verwandeln wollte. Sie hatte dabei auch an »femininer« gedacht und vielleicht »flotter«, das aber nicht gesagt. Mandy, eine kräftige, von den Handgelenken bis zum Hals tätowierte junge Frau mit hellrosafarbenen Locken, die auch etwas mehr Kontur hätten vertragen können, hatte wissend genickt und was von »fresh look« gemurmelt. Spätestens da hätte Carla stutzig werden und den Salon direkt wieder verlassen müssen. Doch sie hatte sich nicht getraut. Stattdessen hatte sie sich auf den Stuhl mit dem rissigen Kunstlederbezug gesetzt und abgewartet.

Herausgekommen war etwas, das man neutral als »asymmetrischen Kurzhaarschnitt« beschreiben konnte und das sie selbst ein bisschen an einen Punk erinnerte. Aber ihre Freundin Swantje, der sie ein Foto geschickt hatte, fand den neuen Look viel »selbstbewusster und dynamischer«. Und Lana, ihre bald 18-jährige Tochter, hatte nach einem prüfenden Blick anerkennend genickt. Maximalreaktion für die eher mürrisch in sich gekehrte Spätpubertierende.

Also beließ sie es dabei und rasierte sich die kurze Seite alle zwei Wochen nach.

Carla schulterte ihre Tasche und verließ das Kampfsportstudio am nördlichen Rand der Dannenberger Innenstadt. Nach dem grausamen Mord an dem jungen Mann im August, bei dessen Aufklärung sie selbst fast noch Opfer der psychopathischen Täterin geworden wäre, trainierte sie wieder regelmäßig. Boxen, Taekwondo und ein bisschen Tai-Chi. Das tat ihr mental gut, aber sie fühlte sich auch körperlich besser.

Es war noch früh. Die ohnehin nie besonders stark frequentierte Hauptstraße war menschenleer. Carla sah nach oben in den hellblauen Himmel und zu den Kronen der Kastanien, deren Blätter sich an den Rändern bereits braun färbten. Überall lagen die glänzenden braunen Kugeln mit dem weißen Fleck herum – ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Herbst Einzug gehalten hatte, selbst wenn es tagsüber noch so warm war wie sonst im Hochsommer und sie auch jetzt nur mit kurzärmligem T-Shirt und dünner Strickjacke unterwegs war. Über den Feldern, die direkt hinter der Jeetzelallee begannen, verdichtete sich der Frühnebel zu weißen Schwaden. Erst um die Mittagszeit hatte die Sonne genug Kraft, die aufsteigende Feuchtigkeit über den Wiesen verdunsten zu lassen.

Carla atmete mit geschlossenen Augen einmal tief ein und aus, bevor sie den kurzen Weg zur Polizeistation einschlug. Ihren Polo – den sie noch immer nicht gegen ein neueres Modell eingetauscht hatte, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte – ließ sie auf dem Parkplatz des Sportstudios stehen.

Normalerweise war die kleine Wache an den Wochenenden nicht besetzt, aber Constantin Becker, Leiter der Station und offiziell ihr Vorgesetzter, hatte sie gebeten, an diesem Vormittag ausnahmsweise vor Ort zu sein. Die Jagd