: Silvia Cinelli
: Bittersüße Träume Die Geschichte der Familie Campari - Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641325893
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mailand 1882: Als Gaspare Campari, der Erfinder des berühmten Bitterlikörs, völlig unerwartet stirbt, übernimmt seine Frau Letizia erfolgreich die Leitung des Unternehmens und des berühmten Künstler-Cafés in der Galleria Vittorio Emanuele. Wenige Jahre später schickt die mutige Witwe ihren Sohn Davide nach Bordeaux, wo er bei einem Likörhersteller in die Lehre gehen soll. Anstatt sich seiner Ausbildung zu widmen, lässt sich der junge Heißsporn jedoch lieber zu einer Reise nach Paris überreden, wo er sich Hals über Kopf in die Soubrette Leda verliebt. Nach einem Jahr Bohème-Leben kehrt Davide schweren Herzens nach Mailand zurück. Fortan möchte er sich ganz auf seine Familie und die Leitung der Likörfabrik konzentrieren. Doch dann steht Leda vor seiner Tür – mit der Bitte, ihr in einer schrecklichen Lage zu helfen ...

Silvia Cinelli ist Schriftstellerin und Drehbuchautorin, die an zahlreichen Fernsehserien wie z.B. »I Medici« mitgearbeitet hat.

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Mailand, Herbst 1882


Im Dezember waren die Pflanzen im Botanischen Garten des Palazzo Brera ein Versprechen zukünftiger Fülle, das Zeichen, dass es weitergehen würde. Von seiner Bank neben dem Fenster aus betrachtete Davide die kahlen Obstbäume, die ausgedünnten Rosenbüsche und Kameliensträucher, den nackten Stamm der Glyzinie, die mit Regenwasser gefüllten Bewässerungsbecken. Dieses kleine Fleckchen Erde, ein zwischen die Mauern der Stadt eingefasster Edelstein, war nicht immer ein botanischer Garten gewesen: Drei Jahrhunderte zuvor, als der Palazzo noch ein Kloster beherbergte, bauten die Jesuiten hier Gemüse und Heilpflanzen an. Dem Jungen kam es so vor, als könnte er sie vor sich sehen, die ehrwürdigen Mönche, wie sie sichüber die Blumenbeete beugten, Unkraut jäteten und die Pflanzen wässerten. Wie sie ihre botanischen Schätze mit der gleichen Hingabe zum Blühen und Gedeihen brachten, wie sie ihre Andachten hielten. Zitruspflanzen, Rosmarin, Anis, Minze, Enzian: Diese weisen und fleißigen Männer kannten die geheimen Kräfte der Natur und gaben sieüber Generationen weiter, von Mönch zu Mönch.

Sicher war es Gott selbst, der den Früchten, Blättern, Samen und Wurzeln Heilkräfte und aromatische Essenzen geschenkt hatte. Mit seinem Segen verwandelten die Mönche in ihren Laboratorien die Heilkräuter in Medikamente, gewannen aus ihnen Heilmittel jedweder Art, zum Wohl der Sterblichen. Aber wer weiß, ob es ebenjener Gott oder der Teufel war, der ihnen einflüsterte, aus den gleichen Zutaten, die man in Alkohol eingelegt, durch Destillierkolben geschickt und in Fässern gelagert hatte, Spirituosen und erlesene Liköre herzustellen, die den Gaumen erfreuten und als Allheilmittel für den Geist galten.

»Pst!«

Ein Stoß mit dem Ellbogen von Edoardo Brambilla brachte Davide wieder zurück ins Hier und Jetzt. Mit einer Bewegung des Kinns deutete der Banknachbar auf das Heft, auf dem ein großer Tintenklecks zu sehen war. Davide hielt noch immer die Schreibfeder zwischen den Fingern und versuchte hastig, den Fleck mit seinem Taschentuch wegzuwischen, aber vergeblich, der Schaden war angerichtet. In der Stille des Raumes klang das Zerreißen des Papiers wie das Prasseln eines Gewitterregens. Vom Pult aus blickte der Lateinlehrerüber die Brillengläser hinweg durch das Schulzimmer, um die Ursache der Störung zu finden. Die Schüler saßen mit gesenkten Köpfenüber ihrer Arbeit, während Davide rasch das Blatt zerknüllte und die Nase wieder in das zweite Buch derAeneis steckte.

Ergo age, care pater, cervici imponere nostrae;

ipse subibo umeris nec me labor iste gravabit.

Er griff erneut nach der Feder, tauchte sie vorsichtig in das Tintenfass und schrieb dieÜbersetzung auf das neue, makellose Blatt.

Also denn, teurer Vater, setze dich auf unseren Nacken, ich selbst werde dich auf die Schultern nehmen, und diese Last wird mich nicht bedrücken.

Quo res cumque cadent…

Erneut wurde die Stille gestört, als es an der Tür klopfte. Einige Köpfe hoben sich, und der Lehrer rief ein verärgertes»Herein!«. Mit ehrerbietigem Blick tauchte an der Schwelle ein Bediensteter auf.

»Entschuldigt, Professore, Signor Campari wird im Hof erwartet.«

Jetzt drehten sich alle achtundzwanzig Köpfe der Klasse gleichzeitig zu Davide um.

»Was ist passiert?«, fragte der Junge und blieb sitzen. Die ungewohnte Freundlichkeit dieses Mannes ließ ihn misstrauisch werden, hinter seinem aufgesetzten Lächeln meinte er Mitleid zu erkennen.

»Komm, mein Junge. Nimm deine Sachen, wir gehen.«

Davide stand auf und folgte ihm ohne weitere Fragen durch die Flure des Palazzo bis zum Eingangshof, wo Maruchèt, der Geselle mit dem afrikanisch wirkenden Gesicht, schon auf sie wartete. Dieser kräftige, dunkelhäutige junge Mann stand schon seit Jahren in den Diensten der Familie Campari, trotzdem hatte sein außergewöhnliches Erscheinen im Kreuzgang des Gymnasiums gerade jetzt etwas Düsteres und Beunruhigendes. In einen schwarzen Wintermantel gehüllt, wirkte er zwischen den weißen Säulen der Arkaden wie ein dunkler Fleck, eine Präsenz, die nicht hierhergehörte. Alles in Davide schrie, er solle stehen bleiben, alles rückgängig machen, doch seine Füße bewegten sich unaufhörlich auf Maruchèt zu. Als er schließlich vor ihm stand, zog der junge Geselle eine Hand aus der Manteltasche und legte sie schwer auf Davides Schulter. Dann sagte er nur:»Es ist dein Vater.«

Den Weg vom Palazzo Brera zur Galleria Vittorio EmanueleII. legten sie fast im Laufschritt zurück.

»Sie haben ihn gefunden, er lag am Boden, kreidebleich. Gütiger Himmel! Deine Mutter hat den Arzt gerufen, er untersucht ihn gerade«, berichtete Maruchèt, der sich hinter dem Jungen hielt.

Das Café Campari, an der Ecke zwische