Kapitel 1
Wie auf ein Kommando erhoben sich alle um mich herum und begannen ihr Zeug zusammenzupacken. Stifte, Blöcke, Tablets wurden in die Taschen gestopft. Stimmen schwirrten durch den Hörsaal und verknoteten sich zu einem Ball in meinem Kopf. Bei dem Lärm fiel es mir schwer, mich auf meinen Plan zu konzentrieren.
Ich bedeutete Stella, dass ich zu Professor Springer wollte und sie nickte. Gemeinsam quetschten wir uns durch die Reihe in den Mittelgang. Am Rednerpult war unsere Dozentin in ein Gespräch mit einem großen, hageren Mann vertieft, deshalb verlangsamte ich das Tempo.
»Was hast du vor?« Stella hielt sich an meiner Schulter fest, damit sie nicht von den anderen Studierenden weggespült wurde.
»Ich werde fragen, ob sie mir einen Traineeplatz vermittelt.«
»Die Damen, wie kann ich behilflich sein?« Professor Springer lächelte, sodass wir ihre weiß glänzenden Dritten bestaunen konnten. Ihr Gesprächspartner sah Stella an, schmiss sich ein wenig zu energisch die Tasche über die Schulter und riss durch seine Unaufmerksamkeit dabei fast das Rednerpult um.
»Professor, ich habe eine Frage. Sogar eine Bitte.« Ich schluckte und sammelte die richtigen Worte zusammen. Die ältere Dame und ich, wir hatten keinen Draht, keine Verbindung zueinander. Trotzdem hoffte ich, dass sie meine Leistungen in ihrer Vorlesung und im Betriebswirtschaftsstudium insgesamt wertschätzen und mir somit einen Praktikumsplatz vermitteln würde. Ich hielt viel von ihr, besonders wegen ihrer Arbeit an der Börse, doch ich war mir unsicher, ob es auf Gegenseitigkeit beruhte.
»Schießen Sie los, Miss Gebara!« Sie zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
»Wissen Sie, ich würde gerne das Praktikum auf ein ganzes Jahr erweitern und ein Training in einer großen Firma absolvieren. Am liebsten in der Finanzabteilung«, ratterte ich herunter. Meine Pläne mit anderen zu teilen, fiel mir nicht leicht. Ich hatte das Gefühl, dass es mich verletzlich machte. Alles, was meine berufliche Zukunft betraf, verunsicherte mich. Erst vor knapp zwei Jahren hatte ich mich mit dem Thema beschäftigt und war seitdem oft überfordert.
»Ach, wirklich?« Sie griff sich ans Kinn. Kam es mir nur so vor oder versuchte sie, meinem Blick auszuweichen?
»Ähm, ja.« Hilfesuchend sah ich Stella an, die mir zunickte, damit ich weiterredete. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit einer derart überraschten Reaktion. Immerhin war es eine gängige Praxis, dass Dozenten für ihre Studierenden Praktika oder zumindest Bewerbungsgespräche organisierten. In Professor Springers Kurs zählte ich zu den Besten. Doch ihr zweifelnder Blick nahm mir den Wind aus den Segeln. Meine Befürchtungen bewahrheiteten sich.
»Miss Gebara, verstehen Sie das jetzt bitte nicht falsch, aber ich bin mir unsicher, ob ich dafür meine Kontakte nutzen möchte.« Ihre Stirn legte sich in Falten.
Ich atmete einmal tief ein und aus.
»Es hat nichts mit Ihrer Herkunft zu tun!«, platzte es aus ihr heraus.
Mir entglitten die Gesichtszüge.
Stella hatte sich verschluckt, denn sie begann heftig zu husten.
»Ehrlich gesagt bin ich auch nicht davon ausgegangen, dass meine spanischen Vorfahren mich an etwas hindern!« In meinem Magen grollte es. Zum einen, weil ich mir selbst auf die Zunge hatte beißen müssen, damit ich nicht meine baskische Herkunft verriet. Spanisch reichte in den meisten Fällen vollkommen aus. Eine Spezifizierung wirkte auf Außenstehende nur merkwürdig, deshalb verkniff ich sie mir. Zum anderen, weil ich nicht mit diesem Thema gerechnet hatte.
»Professor Springer, ich kann Ihnen versichern, dass Alice auch in den übrigen Veranstaltungen Bestleistungen abliefert. Sie ist ehrgeizig und clever!« Dass Stella für mich Partei ergriff, war nichts Neues.
Ich nahm kurz ihre Hand und drückte sie.
»Darüber bin ich mir im Klaren, Miss Walton. Es geht vielmehr um das Auftreten. Ich kann Ihnen versichern, dass die meisten Vorstände nicht erfreut wären, wenn Miss Gebara im Büro V