Militia Christi
Die christliche Religion und der Soldatenstand
in den ersten drei Jahrhunderten44
Adolf von Harnack
VORWORT
Die Probleme, die in den nachstehenden beiden Abhandlungen untersucht werden, habe ich in meinem Werke über dieMission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten (1902) S. 297 ff. 388 ff. kurz erörtert. Sie schienen mir schon damals eine eingehendere Behandlung zu verdienen; aber in dem Rahmen der Missionsgeschichte konnte ich eine solche nicht bieten. Hier ist sie nun nachgebracht. Ich habe mich streng an das Thema gehalten, da ich in Bezug auf allgemeinere Fragen („Die Religion im römischen Heere“, „Die Beurteilung des Kriegs und des Kriegerstandes bei den griechisch-römischen Philosophen“ usw.) Neues nicht zu bringen vermochte und Bekanntes nicht wiederholen wollte. Man muss aber den Hintergrund stets im Auge behalten, wenn man das besondere Problem des Verhältnisses der Kirche zum Soldatenstand zu würdigen unternimmt. „Religio Romanorum tota castrensis“, sagt Tertullian, „signa veneratur, signa iurat, signa omnibus deis proponit“. Aber auch die abschätzigen Urteile der Philosophen über den Kriegsdienst dürfen nicht vergessen werden; denn das Christentum galt nicht nur als „Philosophie“, sondern war ihr auch wirklich wahlverwandt und wurde von ihr beeinflusst.
Man wird in dem Verhältnis der alten Kirche zum Krieg und zum Heere wiederum ihre beispiellose Elastizität und ihren Universalismus bewundern. Die Kirche hielt die höchsten Ideale aufrecht und richtete sich doch in der Welt ein. Sie verstand es sogar einer ganz weltflüchtigen Zukunftshoffnung konservative Motive für das weltliche Leben abzugewinnen, und sie bewährte es auch hier wieder, dass sie das Gegensätzliche zu dulden vermag, indem sie es umklammert. Weltkirche war sie schon damals, als sie noch schutzlos der Welt gegenüberstand.
Das besondere Recht, das Verhältnis der christlichen Religion zum Heere in einer monographischen Darstellung zu entwickeln, liegt darin, dass sich die alten Christen – vor allem im Abendland – auch als Krieger Gottes empfanden und dass sich der weltgeschichtliche Umschwung vom Heidentum zum Christentum öffentlich zuerst im Heere vollzogen hat.
In Bezug auf die Stellung der Christen zum Militärdienst besitzen wir eine Studie vonBigelmair in dem Buche: „Die Beteiligung der Christen am öffentlichen Leben in vorkonstantinischer Zeit“ (München, 1902) S. 164-201, und soeben – der Satz dieser Blätter war bereits nahezu abgeschlossen – kommt mir die Abhandlungde Jong's zu: „Dienstweigering bij de oude Christenen“ (Leiden, 1905). Beide Untersuchungen, besonders die erste, sind gründlich und fördernd; ich hoffe aber, dass die meinige neben ihnen nicht überflüssig sein wird, da in jenen Arbeiten die „Militia Christi“ kaum gestreift ist und sie Vollständigkeit des Materials und der Gesichtspunkte nicht überall angestrebt haben.
Berlin, den 20. Mär