1. Mythos Narziss: Ein unglücklich und unwissend sich selbst begehrender Mensch
Das vielleicht berühmteste Bild zum Mythos – „Narciss na fonte“ (Narziss an der Quelle) – wurde vom Barockmaler Michelangelo Merisi da Caravaggio in den Jahren 1597 bis 1599 in seinem damals revolutionären, unnachahmlichen Hell-Dunkel-Stil gemalt. Zu sehen ist das Bild in Rom in den Gallerie Nazionale Barbarini Corsini, und ich kann nur empfehlen, es sich möglichst dort genau anzusehen, denn schöner kann man die Geschichte des verzweifelt nach Liebe suchenden und auf sich selbst zurückgeworfenen jungen Menschen in einem Bild nicht darstellen.1
Der Mythos selbst jedoch ist sehr viel älter. Die Autoren von Wikipedia (Stand Anfang 2024) machen es sich leicht, indem sie das Thema so abhandeln: „Narziss ist in der griechischen Mythologie ein schöner Jüngling, der die Liebe anderer zurückwies und sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, vor Sehnsucht dahinschwand und in die gleichnamige Blume verwandelt wurde.“ Scherzhaft könnte ich antworten: Das engt es aufs Wesentliche ein. Vielleicht lohnt es sich, dem römischen Dichter zu lauschen, der den ursprünglich griechischen Mythos wohl am besten in Worte gefasst hat: Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. bis 17 n.Chr.).2 Und natürlich hat das Spiel mit dem Wasser und der Selbsterkenntnis im Spiegel eine tiefere Bedeutung, denn der, der aus dem Wasser kam, wird im Tod wieder mit dem Wasser vereinigt. Er kam aus der Quelle, und nachdem er unglücklich nach Liebe suchte, sich selbst vernachlässigte, nicht mehr essen und trinken konnte (Pullen& Rhodes 2008), kehrt er, wie er war und ist, zur Quelle zurück, lebensuntüchtig und beziehungsunfähig, zerstörerisch für sich selbst und andere. Was bleibt, ist ein schönes Bild einer zarten Blüte …
Mit einem der frühen psychoanalytischen Interpreten, Friedrich Wieseler (1856), ließe sich der Mythos des unglücklichen Narziss auch so deuten: Ein vergeudetes Leben ohne Bindung zu einem anderen Menschen endet nach kurzer Zeit dort, wo es begonnen hat.
Sehr bitter und zugleich treffend ist meines Erachtens das „Narziss-Mandala“ des Malers Wolfgang Petrick. Für das als Collage und Computersimulation ausgeführte Bild namens „Glückskopf“ (1999) verwendete der Künstler das Foto eines schönen jungen Mannes, der nach einer Kneipenschlägerei verstorben war.3
Schönheit und Sterblichkeit, Sinnsuche und Vergeblichkeit, Gewalt gegen andere mit tödlichem Ausgang, auch für sich selbst – alles das enthält der Mythos des Narziss. Die obsessive Beschäftigung mit dem eigenen Bild, dem eigenen Image – die permanente Suche der eigenen Identität durch den anderen also –, hat zur Entwicklung eines eigenen Störungsbildes beigetragen: der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung (NPS) (APA 2013). Von ihr sowie von all ihren Vor- und Nebenformen, ihrem Entstehen, ihren Auswirkungen und ihrer Therapie soll in diesem Buch die Rede sein.
Der Mythos und seine Bedeutung
Doch der Reihe nach. Wer war Narziss – auch Narkissos oder Narcissus genannt – eigentlich, und was hat es mit dem Entstehen aus dem und dem Vergehen im Wasser auf sich?
Bei Ovid finden wir – übereinstimmend mit den ursprünglichen mythologischen Erzählungen – Folgendes zu den Eltern und der tragischen, ja traumatischen Zeugungsgeschichte des