Kapitel 1 –Erste Woche
Eine schreckliche Diagnose
WANN STERBEN TIERE?
WERDEN SIE AUS IHREM LEBEN HERAUSGERISSEN?
ODER GEHEN SIE BEWUSST, WENN DIE AUFGABEN ERFÜLLT SIND?
Das Wissen, dass Bert bald sterben wird, setzt sich an einem Nachmittag im November in eine tiefe Ebene meines Bewusstseins. Ich sitze im Auto, habe gerade noch etwas Zeit bis zum nächsten Termin, als ich wie aus dem Nichts eine Veränderung wahrnehme, die ich nicht orten kann. Wie ein Donnergrollen, das man manchmal hört, obwohl der Himmel strahlend blau ist. Ich klicke durch die Musiktitel des USB-Sticks. Zufallswiedergabe. Lauter altes Zeug, kaum etwas, das zu meiner undefinierbaren Stimmung passt. Die meisten Lieder schalte ich schon mit dem ersten Akkord weiter, mein Finger erstarrt jedoch, als „Nada te turbe“ anläuft– „Nichts soll dich ängstigen“. Eigentlich bin ich nicht ängstlich, trotzdem fühle ich durch dieses Lied plötzlich ein „Gehaltenwerden“. Meine Intuition sagt mir sofort, dass ich diesen Trost sehr bald brauchen werde. Gleichzeitig ist mir klar: Für nichts würde ich mehr Halt und Trost brauchen als für den Tod von Bert!
Augenscheinlich gibt es keine Hinweise darauf, dass Bert bald sterben würde. Er wirkt insgesamt putzmunter mit seinen elf Jahren, putzt sich munter und erledigt seine täglichen Routinen. Ausgiebige Dehn- und Streckübungen an frischer Luft, auf dem Gartentisch sitzend das Revier mit seinen Bewohnern betrachten und an sehr vergnüglichen Tagen wird der kleine Fußball durch die Wohnung gekickt. Er erledigt all diese Kateraufgaben sehr souverän. Der Blick und sein Verstand sind glasklar, stark und immer sehr liebevoll. So stupst er zum Beispiel seine Nase oft an meine Stirn, wenn wir auf dem Sofa nebeneinandersitzen. Ich genieße es, meine Nase in seinen seidenweichen, sehr würzig duftenden roten Pelz zu graben.
Was auf dieser Welt sollte diesem wunderbaren Geschöpf den Atem nehmen und sein tapferes großes Katerherz aufhören lassen zu schlagen? Ich verscheuche dieses unbequeme Wissen um eine baldige Veränderung aus meinen Gedanken und wir leben unser gewohntes Leben erstmal weiter – Lucy, Smilla, Ernie, Bert und ich.
Ich liebe dieses gewohnte, ganz normale Leben sehr – zu jeder Jahreszeit, tags und nachts. Gerade jetzt im Winter liegen alle vier häufig auf dem Sofa und verströmen so viel Schlafgas, dass meine eigenen Grübeleien darin ersticken. Gibt es etwas Schöneres?
Kann es sein, dass Bert die Entscheidung bald zu sterben an diesem November-Tag getroffen hat?
Bert: „Ja, es war genau der richtige Zeitpunkt, um alles ins Rollen zu bringen. Ich habe in diesem Leben erfahren, was meine Seele für die Entwicklung erfahren musste. Die eigenen Themen waren geheilt und die Uhr war abgelaufen. Es war eine klare, lichte Entscheidung, im Einklang mit allen Ebenen und zum höchsten Wohl für alle. Ich musste einen Prozess in Gang bringen, es war der bedeutendste Part meiner Lebensaufgabe, mit der ich zu Dir gekommen bin, der an diesem Tag in Bewegung gekommen ist. Alle Vorbereitungen dafür waren abgeschlossen.“
Ernie und Bert konkurrieren diesen Winter um den kugelrundesten Wohlstands-Bauch. Bert hat es mit seiner Vorliebe für Sahne, Frischkäse und veganem Schafskäse geschafft, eine Schnurrhaar-Nasenlänge weiter vorn zu liegen. Die Kälte hält als Vorwand her, die Bewegung an der frischen Luft zu vernachlässigen. Wer muss denn auch Mäuse fangen, wenn leckere Mahlzeiten Mithilfe des Dosenöffners den Weg in die eigentlich niemals wirklich leeren Mägen finden?
Draußen taucht in diesen sehr kalten Nächten dieses Winters ein schwarzweißer Kater auf – auch für ihn bleibt etwas übrig. Bürgermeister, so nenne ich ihn, weil ich ihn schon an den unterschiedlichsten Orten im Dorf angetroffen habe. Er hat offensichtlich kein Zuhause.
Es ist Mitte Januar, als ich in Berts Bauch bei der Knuddel-Routine ein etwa zwei bis drei Zentimeter großes „Irgendwas-wahrscheinlich-ein-schlimmer-Tumor“ ertasten kann. Dieser Knubbel mitten in Berts weichem Bauch ist wie aus Gelee, lässt sich bewegen und scheint ihm keine Schmerzen zu bereiten. Vielleicht auch nur ein angeschwollener Lymphknoten? Also nur etwas Harmloses, das bald wieder weg geht?
Die Frage, wie schnell wir jetzt in die Tierarztpraxis müssen, klärt Bert in einer der nächsten Nächte mit einem lauten Scheppern. Sein Sprung auf den zwei Meter hoh