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»Ich finde ja, es fehlen noch ein paar Bilder an den Wänden.« Jana Brosius stand, die Hände in die Hüften gestemmt, in der Mitte des großen Raumes und sah sich um.
Max betrachtete ebenfalls die zugegebenermaßen recht kahl wirkenden, weiß getünchten Wände. »Das stimmt. Ich könnte mir was in Schwarz-Weiß vorstellen.Humphrey Bogart vielleicht, mit Panamahut auf dem Kopf und einer Waffe in der Hand. Das würde hervorragend zu einer Detektei passen.«
Jana zog die Stirn kraus. »Humphrey wer?«
»Bogart«, antwortete Marvin Wagner an Max’ Stelle. »Er war in den 1950ern in Sachen Coolness nicht zu übertreffen. Quasi der Vorgänger von Chuck Norris.«
»Aha.« Ein Lächeln legte sich über ihr Gesicht. »Und wer ist Chuck Norris?«
Max schüttelte grinsend den Kopf und setzte sich auf den ledernen Bürostuhl, der frisch ausgepackt neben ihm stand.
Sein Blick wanderte über die noch leeren Schränke und Schreibtische, die sich in den nächsten Tagen nach und nach füllen würden, und blieb an der runden weißen Wanduhr hängen, die Marvin mitgebracht und gleich aufgehängt hatte. Ihr Design ließ den Schluss zu, dass sie schon mindestens fünfzig Jahre alt war. Schön war sie sicher nicht, aber Marvin hatte erklärt, dass er diese Uhr von seiner Großmutter geerbt hatte und sie ihn schon sein ganzes Berufsleben lang begleitete.
Sie zeigte zehn Uhr dreiundvierzig an.
Die Computer sollten an diesem Nachmittag geliefert und gemeinsam mit der Telefonanlage eingerichtet werden.
Schon in zwei Tagen war die offizielle Eröffnung vonWaBi Investigations, der gemeinsamen Detektei von Max und Marvin. Eine Stehparty mit geladenen Gästen und wahrscheinlich endlosem Smalltalk. Der Name war eine Kombination der Anfangsbuchstaben ihrer NachnamenWagner undBischoff, den Marvin sich ausgedacht hatte.
Max’ Gedanken schweiften für einen Moment ab zu seiner Tätigkeit als Dozent für operative Fallanalyse an der Kölner Hochschule, die er zugunsten der gemeinsamen Firma mit Marvin aufgegeben hatte. Professor Heinrichs, der Dekan der Universität, hatte sich sehr verständnisvoll gezeigt, als Max ihm seine Kündigung überreichte.
»Es ist sehr schade, dass wir Sie als Dozent verlieren, Herr Bischoff. Ich weiß ja schon seit geraumer Zeit, dass Sie aufhören wollen, aber ich hatte die leise Hoffnung, dass Sie es sich vielleicht doch noch anders überlegen. Sie leisten hervorragende Arbeit und sind bei den Studentinnen und Studenten sehr beliebt.« Er wiegte den Kopf hin und her. »Andererseits habe ich immer gewusst, dass Sie eigentlich auf die Straße gehören, wo Sie das, was Sie den jungen Menschen über die Fallanalyse beibringen, anwenden können.« Dann hatte Heinrichs sich erhoben und Max feierlich die Hand gereicht. »Ich wünsche Ihnen alles Gute. Bringen Sie die bösen Buben hinter Schloss und Riegel.«
Das Geräusch der sich öffnenden Tür hinter Max holte ihn zurück in die Gegenwart. Er wandte sich um und betrachtete ebenso wie Jana und Marvin den Mann, der ihre zukünftigen Büroräume betrat. Er war durchschnittlich groß und von sportlicher Statur. Die kahl rasierte, leicht gebräunte Kopfhaut stand in interessantem Kontrast zu einem sorgsam getrimmten weißen Vollbart. Auf der Nase trug er eine Brille mit breitem schwarzem Rand. Er war bekleidet mit einer gutsitzenden Jeans, Sneakers und einem weißen T-Shirt, über das er eine dünne Jacke gezogen hatte. Recht wenig, wenn man bedachte, dass es Anfang Februar war und Außentemperaturen von knapp über null Grad herrschten.
»Guten Tag«, sagte er und blieb in der offenen Tür stehen. »Ist das die Detektei von Max Bischoff?«
»Ja, und von Dr. Marvin Wagner«, ergänzte Max und deutete zu Marvin hinüber, während er sich darüber wunderte, dass schon vor der Eröffnung vonWaBi Investigations jemand ihr Büro aufsuchte.
Der Mann starrte Marvin sekundenlang an, etwas, das Max schon öfter erlebt hatte. Ihm selbst war es beim ersten Zusammentreffen