: Terry Pratchett
: Der Winterschmied Ein Roman von der bizarren Scheibenwelt | Ewiger Winter in der Scheibenwelt
: Piper Verlag
: 9783492610933
: Tiffany Weh
: 1
: CHF 9.90
:
: Fantasy
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der 13-jährigen Tiffany Weh, Junghexe-in-Ausbildung, fällt es schwer, auf die warnenden Worte der Erwachsenen zu hören. Auf einem Fest zum Winterbeginn zieht sie die Aufmerksamkeit des Winterschmieds, der Personifikation des Winters, auf sich. Der hält Tiffany für den Sommer und verliebt sich sofort. Von da an verfolgt der Winterschmied sie und überschüttet sie mit Geschenken, bis schließlich das ganze Land unter einer dicken Schneedecke verschwindet. Nun liegt es an Tiffany, den Sommer zu finden und das Land zu retten. 

Terry Pratchett, geboren 1948 in Beaconsfield, England, erfand in den Achtzigerjahren eine ungemein flache Welt, die auf dem Rücken von vier Elefanten und einer Riesenschildkröte ruht, und hatte damit einen schier unglaublichen Erfolg: Ein Prozent aller in Großbritannien verkauften Bücher sind Scheibenweltromane. Jeder achte Deutsche besitzt ein Pratchett-Buch. Bei Piper liegen der erste Scheibenweltroman »Die Farben der Magie« sowie die frühen Bände um Rincewind, Gevatter Tod, die Hexen und die Wachen vor - Meisterwerke, die unter den Fans einhellig als nach wie vor unerreicht gelten. Terry Pratchett erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den »World Fantasy Lifetime Achievement Award« 2010. Zuletzt lebte der Autor in einem Anwesen in Broad Chalke in der Grafschaft Wiltshire, wo er am 12. März 2015 verstarb.

1


Als das Unwetter kam, traf es die Hügel wie ein Hammer. Kein Himmel konnte so viel Schnee halten, und deshalb fiel er wie eine weiße Wand.

Dort, wo sich vor einigen Stunden eine Ansammlung von Dornbüschen auf einem alten Erdwall befunden hatte, lag nun Schnee. Im vergangenen Jahr hatten hier um diese Zeit einige frühe Primeln geblüht, doch jetzt war dort alles weiß.

Der Schnee bewegte sich. Ein etwa apfelgroßer Pfropf schob sich nach oben, und darum herum stieg Rauch auf. Eine Hand, nicht größer als eine Kaninchenpfote, fächelte ihn beiseite.

Ein sehr kleines, aber auch sehr zorniges blaues Gesicht blickte unter dem Schopf aus Schnee hervor in die unvermutet weiße Wüste.

»Potzblitz!«, brummte es. »Seht euch das an! Das is’ das Werk des Winterschmieds! Er meint es verdammt ernst!«

Weitere Schneehäufchen gerieten in Bewegung. Mehr Köpfe zeigten sich.

»Oh, schlimm, schlimm, schlimm!«, sagte einer von ihnen. »Er hat die große kleine Hexe wiedergefunden!«

Der erste Kopf wandte sich ihm zu. »Doofer Wullie?«

»Ja, Rob?«

»Habe ich dir nich’ gesagt, du sollst nich’ immer›schlimm‹ sagen?«

»Ja, Rob, das hast du«, bestätigte der Kopf, der mit Doofer Wullie angesprochen worden war.

»Und warum hast du’s gerade wieder getan?«

»Tschuldige, Rob. Is’ mir so rausgerutscht.«

»Das zieht einen so runter.«

»Verzeihung, Rob.«

Rob Irgendwer seufzte. »Aber ich fürchte, du hast Recht, Doofer Wullie. Er is’ wegen der großen kleinen Hexe gekommen, kein Zweifel. Wer passt bei ihrer Farm auf?«

»Kleiner Gefährlicher Stachel, Rob.«

Rob sah zu den Wolken hoch, die so voller Schnee waren, dass sie in der Mitte durchhingen.

»Na schön«, sagte er und seufzte erneut. »Jetzt muss der Held ran.«

Er tauchte in die Höhle der Wir-sind-die-Größten ab, und der Schneepropf auf seinem Kopf kehrte an seinen ursprünglichen Platz zurück.

Das Innere des Erdwalls war recht groß. In der Mitte konnte ein Mensch aufrecht stehen, aber er hätte sich sogleich vor Husten zusammengekrümmt, denn dort zog der Rauch durch ein Loch ab.

Die Wände waren von Galerien gesäumt, auf denen es von blauen Kobolden wimmelte. Normalerweise ging es in der Höhle recht laut zu, aber jetzt herrschte eine seltsame Stille.

Rob Irgendwer ging zum Feuer, wo seine Frau Jeannie wartete. Sie erhob sich stolz, wie es sich für eine Kelda gehört, aber aus der Nähe schien es ihm, dass sie geweint hatte. Er schlang den Arm um sie.

»Also gut, ihr wisst vermutlich, was los ist«, wandte er sich an das rotblaue Publikum, das von den Galerien auf ihn herabsah. »Dies ist kein gewöhnlicher Schneesturm. Der Winterschmied hat die große kleine Hexe gefunden … Jetzt seid doch mal ruhig!«

Er wartete, bis das Geschrei und Schwerterklirren nachließ, und fuhr dann fort:

»Wir können nich’ an ihrer Stelle gegen den Winterschmied kämpfen! Das ist ihre Aufgabe! Wir können sie ihr nich’ abnehmen! Doch die Hexe der Hexen hat uns einen anderen Weg gezeigt! Einen dunklen und gefährlichen!«

Jubel ertönte. So etwas gefiel den Größten.

»Jawoll!«, sagte Rob zufrieden. »Und ich breche auf, um den Helden zu holen!«

Daraufhin erklang Gelächter, und der Große Yan, Größter der Größten, rief: »Es is’ zu früh! Wir haben ihn doch erst ein paar wenige Stunden im Heldsein unterrichtet! Er ist noch eine totale Null.«

»Für die große kleine Hexe wird er ein Held sein, und damit basta«, sagte Rob scharf. »Los mit euch, der ganze Haufen! Zur Kreidegrube! Grabt mir einen Weg zur Unterwelt!«

Das muss der Winterschmied sein, dachte Tiffany Weh, als sie im eiskalten Farmhaus vor ihrem Vater stand. Sie konnte ihn dort draußen spüren. Dieses Wetter wäre selbst mitten im Winter nicht normal gewesen, und inzwischen war der Frühling angebrochen. Es war eine Herausforderung. Oder vielleicht ein Spiel. Beim Winterschmied wusste man das nie so genau.

Aber ein Spiel kam eigentlich nicht infrage, denn die Lämmer starben. Ich bin erst dreizehn, und mein Vater und viele andere Leute, die älter sind, erwarten von mir, dass ich etwas tue. Doch ich kann nicht. Der Winterschmied hat mich wiedergefunden. Er ist jetzt hier, und ich bin zu schwach.

Es wäre einfacher, wenn sie mir die Hölle heiß machen würden, aber nein, sie betteln. Das Gesicht meines Vaters ist grau vor Sorge, und er bettelt.Mein Vater bettelt mich an.

O nein, jetzt nimmt er den Hut ab. Ernimmt den Hut ab, um mit mir zu sprechen!

Sie glauben, dass Magie nichts kostet, dass ich einfach nur mit den Fingern schnippen muss. Aber was tauge ich, wenn ich ihnen jetzt nicht helfen kann? Ich darf ihnen nicht zeigen, dass ich mich fürchte. Hexen dürfen sich nicht fürchten.

Und das ist alles meine Schuld. Ich habe damit angefangen, und ich muss es auch zu Ende bringen.

Herr Weh räusperte sich.

»… Und, äh, wenn du den Schnee … äh, wegzaubern könntest oder so? Für uns …?«

Alles im Zimmer war grau, denn Schnee lag vor den Fenstern, durch die das Licht hereindrang. Niemand hatte Zeit damit vergeudet, das grässliche Zeug von den Häusern wegzuschaufeln. Jeder, der eine Schaufel halten konnte, wurde woanders gebraucht, und trotzdem waren sie zu wenige. Die meisten Leute waren die ganze Nacht auf den Beinen und bei den Jährlingen gewesen, hatten versucht, alle Gefahren von den neuen Lämmern fernzuhalten … im Dunkeln, im Schnee …

Inihrem Schnee. Er war eine Botschaft für sie. Eine Herausforderung. Ein Ruf.

»Na schön«, sagte Tiffany. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«

»Braves Mädchen«, erwiderte ihr Vater und lächelte erleichtert.

Nein, ich bin kein braves Mädchen, dachte Tiffany. Ich habe das alles über uns gebracht.

»Ihr müsst ein großes Feuer entzünden, drüben bei den Schuppen«, sagte sie laut. »Ein richtig großes Feuer, versteht ihr? Werft alles hinein, was brennt. Gebt ihm Nahrung. Es wird wieder ausgehen wollen, aber ihr müsst dafür sorgen, dass es weiterbrennt. Haltet genug Brennmaterial bereit, was auch immer geschieht.Das Feuer darf nicht ausgehen!«

Tiffany gab dem »nicht!« einen lauten, furchterregenden Klang, um zu verhindern, dass die Gedanken der Leute abschweiften. Sie streifte den dicken braunen Wollmantel über, den Fräulein Verrat für sie gemacht hatte, und nahm den spitzen schwarzen Hut vom Haken an der Tür. Eine Art gemeinschaftliches Grunzen entrang sich den Menschen, die sich in der Küche zusammendrängten, und einige von ihnen wichen zurück. Wir wollen jetzt eine Hexe, wir brauchen jetzt eine Hexe, aber … wir weichen jetzt auch ein wenig zurück.

Das war die Magie des spitzen Huts. Fräulein Verrat nannte es »Boffo«.

Tiffany Weh trat hinaus in den schmalen Korridor, der in den Schnee auf dem Hof gegraben worden war – die Schneewehen waren dort mehr als vier Meter hoch. Wenigstens schützten sie vor dem Wind, der aus Messern zu bestehen schien.

Man hatte einen Weg zur Koppel geschaffen, aber es war alles andere als leicht gewesen. Wenn der Schnee überall vier Meter weit aufragt, wie und wohin soll man ihn dann beiseiteräumen?

Tiffany wartete bei den Karrenschuppen, während die Männer an den Mauern aus Schnee herumhackten und -kratzten. Inzwischen waren sie todmüde; sie hatten stundenlang Schnee geschaufelt.

Das Wichtigste war …

Aber es gab vieles, was wichtig war. Es war wichtig, ruhig und zuversichtlich zu wirken. Es war wichtig, einen klaren Kopf zu behalten. Es war wichtig, nicht zu zeigen, dass man sich vor Angst fast in die Hosen machte …

Sie streckte die Hand aus, fing eine Schneeflocke auf und untersuchte sie eingehend. Es war keine normale, nein, ganz und gar nicht. Es war eine seiner speziellen...