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Tiffany las die Worte und lächelte.
»Aha«, sagte sie. Es gab nichts, an das sie hätte klopfen können, deshalb fügte sie lauter hinzu: »Klopf, klopf.« Die Stimme einer Frau kam aus dem Zelt. »Wer ist da?« »Tiffany«, sagte Tiffany.
»Tiffany wer?«, fragte die Stimme.
»Tiffany, die nicht versucht, einen Witz zu machen.«
»Ah. Das klingt vielversprechend. Komm herein.«
Sie strich die Plane beiseite. Im Zelt war es dunkel, stickig und heiß. Eine dürre Gestalt saß hinter einem kleinen Tisch. Die Frau hatte eine schmale, spitze Nase und trug einen großen schwarzen Strohhut mit Papierblumen. Er passte überhaupt nicht zu dem Gesicht.
»Bist du eine Hexe?«, fragte Tiffany. »Ich hätte nichts dagegen.«
»Wie kannst du jemanden mit einer solchen Frage überfallen?« Die Frau wirkte ein wenig schockiert. »Euer Baron hat Hexen in seinem Land verboten, das weißt du ja wohl, und trotzdem fragst du mich sofort, ob ich eine Hexe bin? Warum sollte ich eine Hexe sein?«
»Du trägst schwarze Kleidung«, sagte Tiffany.
»Jeder kann schwarze Kleidung tragen«, erwiderte die Frau. »Das bedeutet nichts.«
»Und du hast einen Strohhut mit Papierblumen auf«, fuhr Tiffany fort.
»Aha!«, sagte die Frau. »Das ist der Beweis. Hexen tragen große, spitze Hüte. Das weiß jeder, dummes Kind.«
»Ja, aber Hexen sind auch sehr schlau«, sagte Tiffany ruhig. Das Funkeln in den Augen der Frau veranlasste sie weiterzusprechen. »Sie schleichen umher. Wahrscheinlich sehen sie nicht oft wie Hexen aus. Und eine Hexe, die hierher käme, wüsste vom Baron und würde einen Hut tragen, von dem alle wissen, dass eine Hexe ihn nicht trägt.«
Die Frau musterte sie. »Das ist außerordentlich gut überlegt«, sagte sie schließlich. »Du wärst eine gute Hexensucherin. Weißt du, dass man Hexen früher verbrannt hat? Welchen Hut auch immer ich trage, für dich wäre er ein Beweis dafür, dass ich eine Hexe bin, nicht wahr?«
»Auch der Frosch auf dem Hut gibt einen Hinweis«, sagte Tiffany.
»Eigentlich bin ich eine Kröte«, sagte das Wesen, das zwischen den Papierblumen hockte und Tiffany beobachtet hatte.
»Für eine Kröte bist du sehr gelb.« »Ich war ein wenig krank«, sagte die Kröte.
»Und du sprichst«, stellte Tiffany fest.
»Du hast nur mein Wort«, sagte die Kröte und verschwand hinter den Papierblumen. »Du kannst nichts beweisen.«
»Du hast doch keine Streichhölzer dabei, oder?«, wandte sich die Frau an Tiffany.
»Nein.«
»Gut, gut. Wollte nur sichergehen.«
Wieder war es einige Sekunden still, während die Frau einen nachdenklichen Blick auf Tiffany richtete.
»Ich heiße Fräulein Tick«, sagte sie schließlich. »Und ichbin eine Hexe. Es ist natürlich ein guter Name für eine Hexe.«
»Soll er vielleicht darauf hinweisen, dass du einen Tick hast?«, fragte Tiffany und runzelte die Stirn.
»Wie bitte?«, erwiderte Fräulein Tick kühl.
»Nervöse Zuckungen und dergleichen«, erklärte Tiffany. »Oder meinst du Tick wie in ›du tickst nicht richtig‹?«
»Ichmeine, dass es nachMystik klingt«, sagte Fräulein Tick.
»Oh, ein Wortspiel. In dem Fall könntest du auch ›Tisch‹ heißen, wie in ›mystisch‹ und ›enigmatisch‹, oder ›Voll‹ wie in ›geheimnisvoll‹, oder …«
»Bestimmt kommen wir bestens miteinander zurecht«, sagte Fräulein Tick. »So gut, dass es vielleicht keine Überlebenden gibt.«
»Bist duwirklich eine Hexe?«
»Ja«, sagte Fräulein Tick. »Ich binwirklich eine Hexe. Ich habe ein sprechendes Tier, neige dazu, andere Leute zu korrigieren, stecke meine Nase gern in fremde Angelegenheiten und, ja, ich trage einenspitzen Hut.«
»Kann ich jetzt die Feder bedienen?«, fragte die Kröte.
»Ja«, sagte Fräulein Tick, den Blick weiter auf Tiffany gerichtet. »Betätige die Feder.«
»Es macht mir Spaß, die Feder zu bedienen«, sagte die Kröte und kroch zum hinteren Teil des Hutes.
Es klickte, und ein leisesFwep-fwep erklang, als der mittlere Teil des Hutes langsam und ruckartig nach oben fuhr.
Die Papierblumen fielen zur Seite.
»Äh …«, sagte Tiffany.
»Hast du eine Frage?«, erkundigte sich Fräulein Tick.
Mit einem letztenFwop richtete sich die Hutmitte auf und bildete eine perfekte Spitze.
»Woher weißt du, dass ich nicht wegrenne und dem Baron Bescheid gebe?«, fragte Tiffany.
»Weil du das gar nicht willst«, antwortete Fräulein Tick. »Du bist absolut fasziniert. Du möchtestselbst eine Hexe sein, nicht wahr? Wünschst du dir vielleicht, auf einem Besen zu fliegen?«
»Ja!« Tiffany hatte oft vom Fliegen geträumt. Die nächsten Worte von Fräulein Tick brachten sie auf den Boden zurück.
»Tatsächlich? Trägst du gern dicke, wirklich dicke Unterhosen? Glaub mir: Wenn ich fliegen muss, trag ich zwei Paar aus Wolle, und darüber eine Leinenhose, die nicht sehr feminin wirkt, ganz gleich, wie viele Borten und Tressen man aufnäht. Da oben kann es sehrkalt sein. Das vergessen die Leute. Und dann erst die Borsten. Frag mich nicht nach den Borsten. Ich will nicht über die Borsten reden.«
»Aber kannst du nicht einen Wärmezauber verwenden?«, fragte Tiffany.
»Das könnte ich. Aber so was macht eine Hexe nicht. Wenn man Magie anwendet, um sich zu wärmen, dann benutzt man sie bald auch für andere Zwecke.«
»Aber ist das nicht genau das, was eine Hexe …«, begann Tiffany.
»Wenn man von Magie erfährt, ich meine, wenn man sielernt, wenn man alles über Magie lernt, was möglich ist, muss man die wichtigste aller Lektionen lernen«, sagte Fräulein Tick.
»Und die wäre?«
»Verwende keine Magie. Hexen benutzen nur dann Magie, wenn ihnen keine Wahl bleibt. Magie ist harte Arbeit und schwer zu kontrollieren. Wir befassen uns mit anderen Dingen. Eine Hexe achtet auf alles, was geschieht. Eine Hexe macht von ihrem Kopf Gebrauch. Eine Hexe ist sich ihrer selbst sicher. Eine Hexe hat immer Bindfaden dabei…«
»Ichhabe immer Bindfaden dabei!«, sagte Tiffany. »Ist sehr praktisch.«
»Gut. Allerdings steckt mehr als nur Bindfaden hinter der Hexerei. Eine Hexe erfreut sich an kleinen Details. Eine Hexe durchschaut Dinge und blickt um sie herum. Eine Hexe sieht weiter als die meisten anderen. Eine Hexe sieht Dinge von der anderen Seite. Eine Hexe weiß, wo sie ist undwann sie ist. Eine Hexe würde Jenny Grünzahn sehen«, fügte Fräulein Tick hinzu. »Was ist passiert?«
»Woher weißt du, dass ich Jenny Grünzahn gesehen habe?«
»Ich bin eine Hexe«, erwiderte Fräulein Tick. »Rate mal.«
Tiffany sah sich im Zelt um. Es gab nicht viel zu sehen, selbst jetzt nicht, nachdem sich ihre Augen an die Düsternis gewöhnt hatten. Die Geräusche der Außenwelt drangen durch die schweren Planen.
»Ich glaube …«
»Ja?«, fragte die Hexe.
»Ich glaube, du hast mich mit dem Lehrer sprechen gehört.«
»Stimmt. Ich habe nur meine Ohren benutzt«, sagte Fräulein Tick und ließ Untertassen mit Tinte unerwähnt. »Erzähl mir von dem Ungeheuer mit Augen so groß wie Suppenteller mit acht Zoll Durchmesser. Was haben Suppenteller damit zu tun?«
»Das Ungeheuer wird in einem Märchenbuch erwähnt, das ich gelesen habe«, sagte Tiffany. »Darin heißt es, Jenny Grünzahn hätte Augen so groß wie Suppenteller. In dem Buch ist auch ein Bild, aber kein gutes. Deshalb habe ich einen Suppenteller gemessen, um genau Bescheid zu wissen.«
Fräulein Tick stützte das Kinn auf die Hand und lächelte seltsam.
»Das war doch in Ordnung, oder?«, fragte Tiffany.
»Was? Oh, ja. Äh … ja. Vollkommen in Ordnung. Fahr...