Intro – Im Psycho-Dschungel
Kennen Sie psychische Krisen? Vielleicht waren auch Sie schon einmal in einer Lebenskrise und haben nach jemandem gesucht, der Ihnen helfen kann, sich daraus wieder herauszuarbeiten?
Vielleicht haben Sie auch einmal in einem Trauerprozess gesteckt und nach jemandem gesucht, der Ihnen zuhört? Oder Sie wollten sich selbst irgendwie mal besser verstehen können?
Haben Sie vielleicht schon einmal erwogen, sich um einen Therapieplatz zu bemühen?
Womöglich sind Sie dann an einen dieser Anrufbeantworter geraten, die ihrem Namen keine Ehre erweisen und eben nicht »antworten«. Diese Anrufbeantworter versprechen einen Rückruf, halten das Versprechen aber nicht, oder sie teilen Ihnen gleich mit, dass der zugehörige Therapeut leider überhaupt keine freien Plätze mehr hat. Vielleicht haben Sie es doch schon einmal geschafft, eines der begehrten Vorgespräche zu ergattern, um anschließend mit einem 30-Seiten-Fragebogen nach Hause geschickt zu werden. Und dann waren Sie mit all den Fragen zu Ihrer Biografie und den dazugehörigen Gefühlen doch wieder allein, während Sie sich durch den Fragebogen quälten (Fragebögen antworten auch nicht).
Die Frage, die sich dann stellt: Was jetzt?
Die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz hat man Ihnen mit etwa einem Jahr angekündigt. Niemand ist da, der Ihnen sagen könnte, welche Therapie Sie eigentlich machen sollten und wer diese anbietet. (Sind das nicht immer Psychologinnen? Antwort: Nein, sind es nicht.) Also vielleicht mal ein Blick in die Gelben Seiten – und was steht da nicht alles unter dem Begriff »Psychotherapie«? Sind das alles Psychotherapeuten, die »Psychotherapie« anbieten? (Antwort: Nein, sind es keineswegs.)
Vielleicht haben Sie sich an Ihre Krankenkasse gewandt, die Ihnen gesagt hat, Sie benötigten unbedingt erst einmal Formular PTV11 (kein Witz!) und dann könne man mal weitersehen. Formular PTV11 bekommen Sie bei einer Therapeutin, die zwar häufig ein Erstgespräch anbietet, aber leider keinen Therapieplatz. Und diese Therapeutin hat ihre Praxis unter Umständen 50 Kilometer von Ihrem Wohnort entfernt. (Das nennt sich »Überversorgung«.)
Oder Ihre Krankenkasse hat Ihnen wärmstens die neue Gesundheits-App ans Herz gelegt. Vielleicht haben Sie ja in Ihrer Not auch schon einmal einen »Onlinekurs« gebucht, vielleicht einen, um Liebeskummer zu überwinden. So etwas kann man sogar als Gutschein verschenken (auch kein Witz), zu Weihnachten für unter dem Tannenbaum.
Vielleicht haben Sie es aber auch erst einmal mit einem Buch versucht. Dazu schaut man in die Spiegel-Bestseller-Liste und sucht nach passender Lektüre zu dem Thema. Vielleicht von einem Autor, der medial sehr präsent ist. Das müssen doch Leute schreiben, die seriös sind? (Antwort: nicht zwingend.) Oder Sie haben sich eine der einschlägigen Sendungen zum Thema angeschaut, in der Hoffnung, dort seriöse Hinweise zu erhalten.
Falls Sie das kennen, dann hier ein kleiner Trost: Sie sind nicht allein. Viele meiner Patientinnen erzählen mir von solchen Odysseen. Manchmal weiß man nicht, ob sie von der eigentlichen Lebenskrise oder von der Suche nach Hilfe erschöpft sind. Dann sitzen sie vor mir, angefüllt mit »Übungen« und »Glaubenssätzen«, ausgefüllten »Übungsbüchern« und Fragebögen. Oder mit einer Diagnose versehen, die niemand so richtig überprüft hat. Sie wurde aber womöglich gestellt, weil sie gerade modern ist oder sich damit trefflich Geld verdienen lässt – es gibt schließlich dafür so schöne Medikamente. Oder sie sitzen vor mir, weil die vermeintlichen Psychotherapeuten, bei denen sie vorher waren und die sie aus eigener Tasche bezahlt haben, jetzt irgendwie auch nicht mehr weiterwissen.
Woher sollen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wissen, dass Sie durch vermeintliche Expertinnen durch vermeintlich aufklärende Sendungen geführt werden, Pseudo-Experten, die sich – offenbar von der Komplexität des Fachwissens herrlich unbelastet – beherzt zu den gerade aktuellen psychischen Erkrankungen und Themen äußern?
Woher sollen Sie wissen, dass in vermeintlich seriösen Sendungen subtil Werbung für die Pharmaindustrie gemacht wird?
Woher sollen Sie wissen, dass in sogenannten Bestsellern unter der Rubrik »Sachbücher« plagiiert wird?
Woher sollen Sie wissen, dass das, was Ihnen da großartig als »Studie« präsentiert wird, nicht wirklich repräsentativ ist? Woher sollen Sie wissen, dass Ergebnisse zu reißerischen Aussagen zurechtgebogen werden, damit sie medial schön verwertet werden können?
Und woher sollen Sie wissen, dass der Begriff »Therapie« genauso wenig geschützt ist wie der Begriff der Psyc