: Murat Güngör, Hannes Loh, Uh-Young Kim
: Remix Almanya Eine postmigrantische HipHop-Geschichte
: Hannibal
: 9783854457787
: 1
: CHF 8.90
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Vom Gastarbeiter zum Gangsta-Rapper Remix Almanya schreibt die Geschichte von HipHop neu. Murat Güngör und Hannes Loh begraben 'Deutschrap' und untersuchen die größte Popkultur des Landes als erstes postmigrantisches Phänomen, das Deutschland für immer verändert hat. Mit Gespür für die Szene und kritischem Blick auf Politik und Gesellschaft zeichnen sie zusammen mit Musikjournalist Uh-Young Kim die erstaunliche Entwicklung vom sogenannten Gastarbeiter zum Rapstar nach - entlang von historischen Umbrüchen, Rassismus und Empowerment gegen alle Widerstände. Wichtige Stimmen aus migrantischen, Schwarzen und transnationalen Communities rücken dabei erstmals in den Mittelpunkt und kommen selbst zu Wort - u.a. die Rap Artists Xatar, Eko Fresh, Apsilon, Ebow, Megaloh oder die Anadolu-Rock-Band ENGIN, Filmemacher Cem Kaya, Schriftsteller Dinçer Güçyeter, Podcasterin und Moderatorin Miriam Davoudvandi, sowie HipHop-Forscherin Dr. Heidi Süß und Migrationsexpertin Prof. Dr. Naika Foroutan. »Dieses Buch verändert den Blick auf HipHop in Deutschland.« Eko Fresh Die Rap-Historie in Almanya ist untrennbar mit der Geschichte der Migration und politisch-gesellschaftlichen Umbrüchen verknüpft. HipHop in Deutschland zeichnet sich nicht durch die lineare Kontinuität einer nationalen Erzählung aus, wie Deutschrap-Dokus, -Bücher und -Podcasts immer wieder behaupten. Diese Geschichte ist vielmehr von Brüchen, Hindernissen und Kulturtechniken durchzogen, deren Kämpfe bis in die Zeit der ersten Anwerbeabkommen zurückreichen. »Das ist alles an mir vorbeigegangen. Wahnsinn! Das hätten wir alle wissen müssen, als wir mit Rap angefangen haben.« Xatar Die ersten migrantischen Musiker:innen und die HipHop-Pionier:innen der Old School haben Rassismus und Ausgrenzung in eigne Ausdrucksformen von ungeahnter kreativen Power verwandelt. Heute sind Rapper:innen mit türkischen, kurdischen, arabischen oder afrikanischen Wurzeln die neuen Stars der deutschen Jugend. Die Sprache der Chabos und Babos hat die Schulhöfe erobert und von dort die hintersten Winkel der Republik erreicht. Und auch wenn der Terroranschlag von Hanau, die Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien und die täglichen Nadelstriche des strukturellen Rassismus das alles zunichtemachen wollen - die postmigrantische Gesellschaft ist längst real, und Rap ein zentraler Treiber für den gesellschaftlichen Wandel. »Rap steht explizit für migrantische Selbstermächtigung.« Prof. Dr. Naika Froutan Für REMIX ALMANYA haben sich Murat Güngör und Hannes Loh nach ihrem szenekritischen Standardwerk Fear Of A Kanak Planet (2002) und der Chronologie 35 Jahre HipHop (2025) mit Popkultur-Experte Uh-Young Kim als Co-Autor (u.a. Spex, Cosmo) zusammengetan. Gemeinsam fächern sie die ganze Vielfalt von HipHop auf. Sie verknüpfen postmigrantische mit feministischen Sichtweisen, hinterfragen das nationale Narrativ von 'Deutschrap' und laden zu Exkursen in Literatur, Städtebau, Journalismus und Bildungssystem ein. Dieses Buch mixt die Perspektiven neu und legt den Blick auf ein hybrides Almanya frei.

Murat Güngör (* 1969) ist Mitbegründer des antirassistischen Netzwerks 'Kanak Attak' und hat u. a. eine internationale Konferenz zu Gangsta- und Queerrap kuratiert. Anfang der 1990er Jahre war er an der Entstehung von Rap in türkischer Sprache beteiligt. Mit Hannes Loh verfasste er das Sachbuch Fear of a Kanak Planet - HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap. Er ist Lehrer und pädagogischer Mitarbeiter an der Goethe-Universität Frankfurt.

BREAK I: DER DRITTE RAUM 1982–1992

HipHop als Sternentor in den postmigrantischen Raum

Der deutsche Regisseur Ilker Çatak, dessen Film „Das Lehrerzimmer“ als bester internationaler Beitrag bei den Oscars nominiert wurde, stellt im Februar 2024 in einem Beitrag für dieZeit ernüchtert fest: „Es geht um ein größeres Problem, ein strukturelles Problem. Es geht darum, wie Menschen mit Migrationsgeschichte vernachlässigt und ignoriert werden.“ Çatak gehört zur dritten Generation so genannter Gastarbeiter:innen. Ihm und vielen anderen, die in Almanya als nicht-weiße oder zugewanderte Menschen gelesen werden, weht der faule Wind einer alten, aber wirkmächtigen Tradition ins Gesicht: „Über die nächsten vier Jahre wird es notwendig sein, die Zahl der Türken um 50% zu reduzieren. (…) Die Türken in ihrer gegenwärtigen Zahl zu assimilieren“, sei unmöglich, da diese eine „sehr andersartige Kultur“ hätten.

Diese sehr konkreten „Re-Migrationspläne“ wurden nicht von Björn Höcke oder Alice Weidel von der AfD erdacht, sondern von Helmut Kohl. Sie stammen aus dem Herbst des Jahres 1982. Kohl war zu diesem Zeitpunkt seit 27 Tagen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland und teilte diese Ansichten seiner britischen Amtskollegin Margaret Thatcher mit. Kohl ergänzte gegenüber Thatcher, er könne über dieses Vorhaben zurzeit noch nicht öffentlich sprechen. Reporter des WochenmagazinsDer Spiegel waren 2001 in Besitz des geheimen Protokolls gekommen und veröffentlichten Kohls Aussagen. Als Reaktion auf diese Enthüllung gab das Büro des Altkanzlers zu Protokoll, dass die „im britischen Papier insoweit korrekt wiedergegebene Position (…) Teil einer hinreichend und breit geführten Debatte zur Ausländerpolitik“ in Deutschland gewesen sei.

Vier Monate vor Kohls Amtsantritt rief die 25-jährige Semra Ertan aus Hamburg beim NDR an. Sie las ihr Gedicht „Mein Name ist Ausländer“ vor und kündigte für den nächsten Tag ihren Suizid als Protest gegen den steigenden Rassismus in Almanya an. Am nächsten Tag, dem 24. Mai, setzte sich Semra Ertan an der Kreuzung Simon-von-Utrecht-Straße/­Detlev-Bremer-Straße im Hamburger Stadtteil St. Pauli selbst in Brand. Sie verstarb zwei Tage später im Krankenhaus.

Ignoranz und Rassismus waren nicht nur unter Helmut Kohl die beiden wichtigsten Antworten der deutschen Mehrheitsgesellschaft auf die Frage: Wie lässt sich eine moderne Einwanderungsgesellschaft gestalten? „Deutschland ist kein Einwanderungsland“ – diese Fehleinschätzung stand dann auch 1983 in der Koalitionsvereinbarung von Union und FDP. Obwohl zu diesem Zeitpunkt schon seit mindestens zehn Jahren klar war: Almanya ist nicht nur ein Einwanderungsland, Almanya ist auf dem Weg in eine postmigrantische Gesellschaft. Ein Blick in die Schulen, die Fußballvereine, die Firmenbelegschaften, die Fußgängerzonen hätte genügt, um diese parteipolitische Propaganda der schwarz-gelben Koalition als Lüge zu entlarven. Die zweite Generation der so genannten Gastarbeiter:innen wuchs in Almanya auf, aber Deutschland tat alles, um diese Menschen unsichtbar zu halten oder zu stigmatisieren.

Old School schafft Räume

Erst die HipHop-Kultur zeigte unmissverständlich: Helmut Kohl hatte gelogen. HipHop machte zu Beginn der 1980er Jahre gesellschaftliche Umbrüche sichtbar, die von der Politik und von den Medien bis dahin ignoriert und geleugnet worden waren. Mit der HipHop-Kultur entstanden neue Sozialräume in der Öffentlichkeit, in denen sich erste Ansätze einer postmigrantischen Gesellschaft abzeichneten. HipHop ab den frühen 1980er Jahren – in der so genannten Old School – war der erste gesellschaftlich relevante postmigrantische Kulturraum nach 1945. Er wurde maßgeblich mitgestaltet und geformt von den Kindern der so genannten Gastarbeiter:innen, aber auch von Schwarzen Jugendlichen. In diesem neuen Möglichkeitsraum trafen sichweiße Jugendliche aus bürgerlichen oder proletarischen Milieus mit Jugendlichen aus Familien, die erst vor vergleichsweise kurzer Zeit nach Almanya eingewandert waren. Sie kamen an öffentlichen Plätzen zusammen, in Jugendzentren oder Clubs und Diskotheken. Sie wurden an manchen Orten stark beeinflusst von amerikanischen G.I.s und traten mit ihnen in Kontakt. Manchmal führten diese Begegnungen zu einem transatlantischen Kulturaustausch und zu lebenslangen Freundschaften.

HipHop in den 1980er Jahren war das postmigrantische Stargate inmitten einer Gesellschaft der verschlossenen Türen. Es öffnete Zugänge zu Kultur- und Sozialräumen, in denen sich Jugendliche mit sehr unterschiedlichen Biografien plötzlich treffen konnten. Jugendliche, die in Kohls Anti-Einwanderungsland eigentlich nicht zusammenkommen sollten und bisher durch ökonomische und rassistische Strukturen weitgehend getrennt voneinander lebten. HipHop bot diesen Jugendlichen einen neuen, völlig überraschenden Identifikationsmoment: Eine transnationale, hybride, Schwarze Jugendkultur, in der es darum geht, durch Übung und Training verschiedene Kunstfertigkeiten zu vervollkommnen und im öffentlichen Raum zu performen. HipHop stand außerhalb einer westlichen, bürgerlichen Kulturtradition und versprach den Aktivis