Acht
Im Kölner Stadtteil Ehrenfeld gab es ein stillgelegtes, verlassenes ehemaliges Werksgelände, auf dem einige ausrangierte DB-Wagons auf einem Abstellgleis standen. Hier fand alljährlich die literarische VeranstaltungBahnlit statt. Mira und Marvin waren mit dem DB-Nightjet angereist und freuten sich wie die Schneekönige auf ihren bevorstehenden Auftritt.
„Da wir das namensähnlicheBamlit in Bamberg haben, bin ich ganz gespannt, was uns hier heute erwartet“, rief Mira erfreut aus.
Es war noch früh am Morgen, als sie den Kölner Hauptbahnhof in der Nähe der Domplatte erreichten. Über die Hohenzollernbrücke, die Schätzungen zufolge mittlerweile von rund 750.000 Liebesschlössern dekoriert war, spazierten sie dann auf die andere Seite des Rheins, wo sie sich auf die Betonplatten am Ufer setzten und ihren mitgebrachten Caffè Americano aus Miras stylischer Thermosflasche tranken.
„Der schmeckt aber sehr italienisch“, kommentierte Marvin.
„Das ist er auch, du Dummkopf. Er heißt doch nur so, weil die amerikanischen Soldaten im zweiten Weltkrieg während ihres Aufenthalts in Italien den Espresso mit der doppelten Menge Heißwasser verdünnten, weil er ihnen zu stark war“, informierte Mira ihren Kompagnon.
Sie hatten den perspektivisch perfekten Ausblick auf die architektonisch ausgefallenden Kranhäuser, die jeglicher Statik zu trotzen schienen, und den unweit danebengelegenen gigantischen Dom, und sie bestaunten die immense Breite des Rheins.
„Hast du schon mal Eis zum Frühstück gegessen? Dort drüben ist eine Eisdiele“, sagte Marvin und zeigte auf einen kleinen Pavillon.
„Eisdealer“, las Mira, und schmunzelte. „Was wird hier wohl angeboten? Cannabis-Eis?“
Wenige Minuten später hatten die beiden einen riesengroßen Freundschaftseisbecher mit zwei langen Barlöffeln und ausgefallenen Sorten vor sich stehen, wie Ananas-Ingwer, weiße Schokolade-Chili, Nougat-Baileys, Waldfrucht-Vanille, Champagner-Limette. Ohne Sahne und ohne Sauce. Am Nebentisch stand ein kleiner herrenloser Teller mit Keksen. Die Naschkatze Mira griff eifrig zu, zumal sie seit ihrer Abfahrt nichts mehr gegessen hatte. Als sie die Eisdiele verließen, war ihr plötzlich etwas schummrig im Kopf, und sie begann grundlos zu kichern.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Marvin überrascht.
„Was soll denn sein?“, gluckste Mira, inzwischen von Lachkrämpfen geschüttelt, die auch bei einem längeren Spaziergang durch die morgendliche Innenstadt nicht abnahmen.
„Ich weiß nicht, was es zu lachen gibt. Wir sind gerade mal ein paar Stunden hier, und mit unserer Anfahrt haben wir schon fast unser gesamtes Honorar ausgegeben.“
„Ach Marvin, wie wäre es denn, wenn du nicht immer nur den Mangel fokussieren würdest, sondern zur Abwechslung einmal das, was du hast? Du siehst nicht dein Tortenstück, sondern du beleuchtest das Vakuum des fehlenden Teilausschnittes!“
„Ich hasse Torte“, stieß er mit gerümpfter Nase hervor.
Mira lachte erneut. „Dann stell dir doch stattdessen einfac