1. Kapitel
Den Kuchen mit dem Fahrrad zu transportieren, ist eine dumme Idee gewesen.
Eisregen ergießt sich über München, als hätte der Himmel vergessen, den Wasserhahn abzudrehen. Mit meinen Reifen rutsche ich eher über den Weg, als zu fahren. Als Wind aufkommt und an meinen durchnässten Haaren zerrt, halte ich geistesgegenwärtig die Abdeckung fest, die den Geburtstagskuchen schützen soll. Ich werde nicht zulassen, dass meine Arbeit von drei Tagen zerstört wird!
Menschen mit dicken Winterjacken und Strickmützen werfen mir mitleidige Blicke zu. Mir wäre sicher nicht so kalt, wenn ich mir etwas Wärmeres als meinen heiß geliebten Windbreaker angezogen hätte. Ich fluche leise, während ich Eisplatte für Eisplatte ausweiche. Das Problem ist jedoch, dass sich der Fahrradweg nach und nach in eine einzige Schlittschuhbahn verwandelt. Obwohl ich nichts lieber möchte, als endlich dem eisigen Regen zu entkommen, drossle ich das Tempo. Zu stürzen wäre der sichere Tod für mein Meisterwerk. Und für mich sicherlich auch nicht angenehm.
Gerade als ich durch den Regen eine überdachte Bushaltestelle entdecke, an der sich noch niemand untergestellt hat, rutscht mir mein Lenker zur Seite. Mir entfährt ein spitzer Schrei. Doch die erwartete Bruchlandung tritt nicht ein. Ein Fußgänger hält mit einer Hand mein Fahrrad und mit der anderen mich fest. Er hat seine Kapuze zu tief ins Gesicht gezogen, um etwas von seinen Gesichtszügen erkennen zu lassen.
»Du solltest bei dem Wetter lieber nicht Fahrrad fahren, das ist gefährlich.« Der fremde Retter hat eine angenehm dunkle Stimme, die mich an Kaminabende mit heißer Schokolade erinnert.
»I-ich weiß«, antworte ich zitternd – ich bin mir nicht sicher, ob es aufgrund der Kälte oder des Schocks wegen meines Beinahe-Sturzes ist.
»Möchtest du dich unterstellen?«, fragt er und hilft mir vom Rad. »Dort drüben ist eine Bushaltestelle.«
»Ich muss zu einem Geburtstag«, widerspreche ich, doch schon während ich meine Worte ausspreche, merke ich, dass es dumm ist. Die Gefahr, zu fallen, ist viel zu groß und ich habe keine Lust auf einen Besuch in der Notaufnahme.
»Das Geburtstagskind wird bestimmt verstehen, wenn du etwas später kommst«, erwidert er.
Ich zögere einen kurzen Moment und frage mich, ob es schlau ist, einem Fremden zu folgen, doch weiterhin im Regen stehen möchte ich auch nicht mehr. »Okay«, stimme ich deshalb zu.
Er geht neben mir her, während ich mein Fahrrad zum Unterstand schiebe. Erst als die Glasüberdachung der Bushaltestelle uns Schutz bietet, hebt mein Retter den Kopf, sodass ich ihm ins Gesicht sehen kann. Dunkle Augen mustern mich. Trotz seiner Kapuze kleben ihm ein paar schwarze Haarsträhnen an der Stirn und lassen ihn verwegen aussehen – im Gegensatz zu meinem Pony, der mir platt im Gesicht pappt. Er hat weiche Gesichtszüge für einen Mann, doch sie passen zu seinen schmalen Augen, der breiten Nase und den vollen Lippen. Bei seinem Anblick fühle ich mich noch unansehnlicher, als mich der Regen sowieso bereits gemacht hat. Ich wische über meine Wangen und stelle mit Schrecken fest, dass das schwarze Schlieren auf meinem Handrücken hinterlässt.
O nein, nein, nein!
Da schminke ich mich das erste Mal seit Monaten und schon passiert das!
»Hast du dir wehgetan?« Er sieht besorgt zu mir hinab, als er meinen panischen Blick bemerkt.
»Nein.« Ich seufze leise. »Ich habe nur gerade festgestellt, dass ich auf dem Geburtstag wohl als Clown aufkreuzen werde.«
Er lacht leise und Grübchen graben sich in seine Wangen. Obwohl es schief und heiser klingt, lässt es ihn noch attraktiver wirken – möglicherweise auch gerade deshalb. »Kinder stehen auf Clowns.«
»Es ist ein Erwachsenengeburtstag.«
»Oh …« Er beißt sich auf die Lippe, um ein Grinsen zu unterdrücken. »Auch Erwachsene können Clowns mögen.«
»Mein bester Freund hat Geburtstag und er hat panische Angst vor denen«, erkläre ich, während ich meinen Rucksack abnehme und darin krame – in stiller Hoffnung, Abschminktücher darin zu finden.
»Falls es dich beruhigt: Ich finde nicht, dass du wie ein Clown aussiehst …«
Kurz denke ich, er möchte mir ein Kompliment machen, doch dann fährt er fort.
»… eher wie ein Dämon. Oh, oder wie diese Scream-Maske. Kannst du mal den Mund so aufreißen?« Er demonstriert mir den weit aufgerissenen Mund der Maske.
Ich starre ihn verwundert an – und kann schließlich nicht anders, als zu lachen.
Er streift sich grinsend die Kapuze vom Kopf und fährt sich durch sein kurzes Haar. »Sorry, flirten liegt mir nicht so.«
Flirten? Mein Herz macht komische Dinge – es pocht so stark, dass mein Herzschlag in den Ohren widerhallt und mir schwindelig wird. Mir wird so warm, dass mein Körper das Frieren einstellt. Ist es naiv, dass mir seine Direktheit so gut gefällt? Vermutlich sollten wir zueinander mehr Abstand wahren. Mein bester Freund David scherzt immer darüber, dass mir der Vertrauensvorsprung, den ich Leuten gebe, noch zum Verhängnis werden wird und ich irgendwann als Opfer in einem True-Crime-Format behandelt werde.
Ich reiße mich aus meinen Gedanken los und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf unser Gespräch.
»Ähm, ich heiße übrigens Vivien«, stelle ich mich vor. »Aber die meisten nennen mich Vivi.«
Er reicht mir die Hand. Es ist so altmodisch, dass es mir schon wieder gefällt. »Akeno. Es ist schön, dich kennenzulernen, Vivi.«
Ich mag die Art, wie er meinen Namen ausspricht. Es klingt beinahe, als würde er ihn in die kühle Novemberluft hauchen. Wir sehen uns an und die Welt bleibt stehen. Der Eisregen rückt in den Hintergrund und alles, was ich wahrnehme, ist sein unwiderstehliches Lächeln. Wäre er ein Gefühl, dann wäre er das, was man empfindet, wenn man mit ausgekühl