Vorbemerkungen
zu dieser Auswahl von
Schriften Rudolf Goldscheids
„Ihr habt im Kriege eine Welt zu verlieren und nichts zu gewinnen, als neue Ketten und neue Lasten. Nationen aller Länder, vereinigt euch! Vereinigt euch im Kampfe gegen den Krieg, vereinigt euch im unablässigen Ausbau solcher Friedensorganisationen, die den Ausbruch von Kriegen für alle Zeitenkulturtechnisch unmöglich machen!“
RUDOLF GOLDSCHEID: ‚Krieg und Kultur‘, 19121
Das Regal „Pazifisten und Antimilitaristen aus jüdischen Familien“ innerhalb der Reihe „edition pace“ vermittelt das Denken von Frauen und Männern, deren Friedenswerke unser – durchaus auf Erfahrung beruhendes – Wissen um einemögliche (!) Schönheit der menschlichen Gattung immer wieder aufs Neue anschaulich werden lassen. Die Freude am eigenen Menschsein kann vorzugsweise dort Nahrung finden, wo in anderen Vertretern der SpeziesVernunft undMenschlichkeit – diese aufeinander verwiesenen Entsprechungen – eine unzerreißbare Verbindung eingehen. Im vorliegenden Band mit Texten des Österreichers RUDOLF GOLDSCHEID (1870-1931) erkunden wir Pfade eines rationalen Pazifismus, der die Symbiose von klarem Denken und lebensdienlicher Ethik (‚biophiles Ethos‘) nicht nur für wünschenswert hält, sondern auch als alternativlos betrachtet.
Das Votum von Albert Einstein
Nachdrücklich hat nach dem Ersten Weltkrieg ALBERT EINSTEIN (1879-1955) für wissenschaftliche Grundlegungen der Friedensarbeit votiert. Er ging davon aus, dass Vertreter empirischer Wissenschaften aufgrund von Erfordernissen und Interessenlagen ihrer Fachgebiete eine besondere Affinität zur Kritik der Kriegsapparatur aufweisen:
„Kriege sind die schwersten Hindernisse für die Entwicklung aller Bestrebungen, die wesentlich auf der Zusammenarbeit von Menschen aller Nationen beruhen, insbesondere alle kulturellen Bestrebungen. […] Deshalb muß ein Mensch, dem die geistigen Werte die höchsten sind, Pazifist sein. Dies beweist auch die Geschichte, wenn man die Männer der Vergangenheit nicht zählt, sondern wägt.
Wie steht es mit der Wirkung der Wissenschaft auf die Entwicklung des Pazifismus? Der Einfluß der Geisteswissenschaft in dieser Beziehung war offenbar ein sehr geringer. Es ist leicht, zu beobachten, daß die Mehrzahl der Vertreter derjenigen Wissenschaft, die hier in erster Linie in Betracht kommt, nämlich der Geschichte, die Sache des Pazifismus keineswegs gefördert hat. Viele Vertreter dieser Wissenschaft, wenn auch nicht gerade die besten unter ihnen, haben sich merkwürdigerweise, besonders bei Gelegenheit des letzten großen Krieges, in der Öffentlichkeit durch besonders starke chauvinistische und militaristische Äußerungen hervorgetan. – Ganz anders steht es bei den Naturwissenschaften. Ihre Vertreter neigen infolge des universellen Charakters der von ihnen behandelten Gegenstände und infolge der Notwendigkeit international organisierter Zusammenarbei