Noras Baby
Daniela Herbst
An den Innenseiten ihrer Schenkel fühlte sie Nässe. Reste des Fruchtwassers, das gerade aus ihr heraus auf den Teppich geklatscht war. Ein richtiger Sturzbach. Als hätte man ihr einen mit Wasser gefüllten Luftballon zwischen die Knie geklemmt und ohne Vorwarnung angestochen. Nora schielte nach unten. Sie stand mit nackten Füßen in einer Pfütze, der Slip klebte ihr am Arsch und den hässlichen geblümten Rock zierte vorne ein dunkler Fleck.
»Das Baby kommt.«
Der Applaus einer Talkshow schwappte zu ihr herüber.
»Es kommt!«, wiederholte sie die Ansage eine Spur lauter und in Richtung Wohnzimmer.
Die beiden Vollidioten auf der Couch reagierten nicht. Ihre ausdruckslosen Teiggesichter starrten stur in die Glotze, während sie gierig Schinkenstullen fraßen und Bier soffen.
Eine heftige Wehe krampfte ihren Bauch zusammen. Sie hielt sich an der Spüle fest und versuchte, gegen den Schmerz anzuatmen. Tief durch die Nase ein, stoßweise durch den Mund aus.»Hecheln und zischen« – wie es die fette Blondine letztens im Fernsehen gemacht hatte. Ein und aus. Ein und aus. Klappte doch ganz ordentlich. Das Bedürfnis, sich einen Bleistift ins Auge zu rammen, ließ zumindest nach. Die Wehe verebbte und Noras Muskeln entspannten sich langsam wieder.
Aus der Ferne hörte man Glocken läuten. Halb fünf.
Ihr Blick glitt nach draußen auf den Schrottplatz. Der fortgeschrittene Nachmittag spiegelte sich matt rot auf dem Meer aus Blech und Dreck wider. Sie lächelte abwesend. Um diese Zeit wirkte das Gelände viel weniger trostlos als sonst; irgendwie friedlicher. Wenn man sich den Gestank wegdachte und nicht genau hinschaute, verwandelte das gedämpfte Licht sogar ihre verwahrloste Bude in etwas annähernd Wohnliches. Obwohl es wirklich schwer war, dem Raum auch nur einen Funken Gemütliches abzugewinnen. Eine zerschlissene Sitzecke in dreckigem Beige. Vier Stühle. Ein wackeliger Holztisch. Zwei Matratzen und eine Handvoll weiterer Möbel, die normale Leute längst dem Sperrmüll vererbt hätten. Das letzte Loch. Aber ein anderes Zuhause gab es nun einmal nicht.
Das Knarren der Bodenbretter riss sie aus ihren Gedanken. Sie wandte den Kopf und fing sich eine schallende Ohrfeige ein.
»Was hast du jetzt schon wieder gemacht?« Ihr Vater deutete vorwurfsvoll auf die nasse Stelle im Teppich. »Wisch das gefälligst weg!«
»Meine Fruchtblase ist geplatzt«, klärte ihn Nora trocken auf. Im selben Moment fuhr ihr eine weitere Wehe durch die Eingeweide. Sie klappte nach vorn und stützte die Hände gegen seine Brust. »Ich glaube, das Baby kommt.«
Im Gesicht ihres Erzeugers erschien ein angeekelter Ausdruck.
Das versaute ihm wohl den Tag. Tja Pech. Sie war auch nicht gerade scharf darauf, ein flennendes Balg aus ihrer Muschi zu quetschen. Scheiße, sie war vierzehn, sie wollte gar nichts aus ihrer Muschi quetschen. Sie wollte sich die Nägel lackieren, Lady Gaga hören und ein bisschen kiffen …
»Marcus, hol ein paar Handtücher!