Kapitel 1 – Miris Schatten
Miri beeilte sich, das Meer zu erreichen, denn heute schien die Erdoberfläche wieder einmal zu glühen, und das schon am frühen Morgen. Die heiße, trockene Luft flimmerte über dem Wüstenboden und brannte in ihren Lungen. Die Strahlen der noch tiefstehenden Sonne stachen sie überall dort, wo sie durch die Löcher in ihrer Kleidung auf die Haut trafen. Leider hatte Miri schon länger keinen gut erhaltenen Stoff mehr gefunden oder bei Wanderhändlern tauschen können, weshalb sie mit ihren Fetzen vorliebnehmen musste.
Ständig warf sie einen Blick über die Schulter, denn wie so oft in letzter Zeit fühlte sie sich beobachtet. Es prickelte unentwegt in ihrem Nacken, während sie mit ihrem Speer und dem geflochtenen Korb zwischen den goldgelben Dünen hindurch zum Wasser marschierte. Doch sobald sich Miri umsah und bedrohlich den Speer hob, erkannte sie nichts als Wüste und Geröll.
Wenige Meter vor ihr schwappte das tiefblaue Meer auf den weißen Sand am Ufer, und die Wellen brachen sich an den rotbraunen, abgeschmirgelten Felsen, die den Strand einfassten. Die Küste würde sie an einer raschen Flucht hindern, falls die muskelbepackten Riesen sie verfolgten.
Sollten sie nur kommen, diese Barbaren! Sie würde kämpfen bis zum letzten Atemzug und so viele von ihnen mit sich nehmen, wie sie konnte. Schließlich beherrschte sie den Speer wie keine andere. Bloß könnte sie damit höchstens einen treffen.
Verflucht!
Sie sind nicht hier, sagte sich Miri, blieb jedoch wachsam.Sie kommen nur nachts.
Seit vier Jahren, seit ihrem sechzehnten Geburtstag, durfte sie allein unterwegs sein und genoss seitdem ihre Freiheiten in vollen Zügen. Ihr Vater mahnte sie allerdings pausenlos zur Vorsicht, denn an der Oberfläche war es nicht mehr so sicher wie früher.
Ts, weil es hier draußen jemals sicher war, dachte sie. Allein die Hitze konnte einen gesunden Erwachsenen töten. Spätestens in zwei Stunden, wenn die Sonne höher stand und die Temperaturen weiter stiegen, musste sie wieder zu Hause sein oder sich einen sicheren Unterschlupf suchen, falls sie nicht an einem Hitzschlag sterben wollte.
Vor ein paar Wochen war trotzdem einiges noch etwas anders gewesen. Da hatte ihre kleine Gemeinschaft halbwegs in Frieden gelebt, mit den Nachbarn aus Rovinella Handel getrieben und überwiegend mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen gehabt …
Sie wollte jetzt nicht an die Barbaren denken, die sich von ihnen einfach nahmen, was sie begehrten, sondern einen unbeschwerten Moment in Freiheit genießen. Sie hasste es, sich die meiste Zeit in den dunklen Höhlen aufzuhalten. Die waren zwar angenehm kühl, doch die engten Miri ein. Deshalb sog sie die zahlreichen Blautöne des Meeres regelrecht in sich auf. Das Wasser glitzerte in der Sonne am Ufer türkis, und je tiefer es wurde, desto dunkler färbte sich das Blau. Der feine weiße Sandstrand bildete einen wunderschönen Kontrast.
Vor dem Krieg, so wurde es von Generation zu Generation weitererzählt, waren die Menschen aus allen Ländern hierher gekommen – hergeflogen in riesigen Eisenvögeln! –, um sich an den Strand zu legen und nichts zu tun. Das konnte sich Miri kaum vorstellen.
Sie zog ihren Strohhut tiefer ins Gesicht, um ihre Augen besser vor der Sonne zu schützen, und dankte Elena im Geiste für die neuen Schuhe. Diese ähnelten Socken und waren aus Schafleder gefertigt. Die dünne Hülle schützte ihre Füße wenigstens vor dem kochenden Sand und der Gerölllandschaft, die sie gerade durchquert hatte. Leider war Leder begehrt und wurde für alles Mögliche verwendet, deshalb hütete Miri ihre neuen Schuhe wie einen Schatz. Doch nun zog sie diese aus und stopfte sie in ihre kleine Umhängetasche, in der sie ihre Trinkflasche und ein Messer mitführte.
Als ihre erhitzten Füße vom kühlen Nass umschmeichelt wurden, seufzte sie verzückt und setzte den Weg bis zu ihrem geheimen Ort im seichten Wasser fort. Dabei stellte sie sich vor, wie hier die Menschen vor knapp hundert Jahren Handtuch an Handtuch gelegen hatten, nur um sich absichtlich von der Sonne die Haut verbrennen zu lassen. Wie verrückt!
Vor dem alles vernichtenden Krieg sollte diese Insel ein Paradies gewesen sein, erzählten die Alten, voller Tiere, Pflanzen und Menschen. Doch die Bomben hatten alles innerhalb von Sekunden verbrannt. Nachdem die Feuer erloschen waren und die Rauchwolken den Himmel nicht länger verdunkelt hatten, war es der Natur während der letzten Jahrzehnte eher schlecht als recht gelungen, sich unter der gleißenden Sonne, mit nur wenigen Niederschlägen im Jahr, zu regenerieren. Es grenzte ohnehin an ein Wunder, dass noch ein paar Tiere und Menschen existierten. Aber Miris Vorfahren hatten es irgendwie geschafft, in den Höhlen, die sich überall auf der Insel verteilten, zu überleben.
An Land fanden sie kaum etwas zu essen – zumindest seit die Riesen sie nicht mehr in die Nähe der Berge ließen, in denen sich die Schafe und Ziegen zurückgezogen hatten –, doch das Meer sicherte ihr Fortbestehen. Zum Glück tummelte sich im Wasser reichlich Nahrung. Das sollte